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RAF-Dokumentation:Bleierne Zeit

Margarethe von Trotta beantwortet Fragen ihres Sohnes Felix Moeller auch durch den Griff zum Tagebuch.

(Foto: Börres Weiffenbach/Blueprint F)
  • Der Regisseur Felix Moeller spricht in der Dokumentation "Sympathisanten. Unser Deutscher Herbst." mit Zeitzeugen, unter anderem seiner Mutter, der Filmemacherin Margarethe von Trotta.
  • Trotta besitzt ein umfassendes Archiv aus dieser Zeit: einen Schrank voller Tagebücher - und war auch selbst als "Sympathisantin" verschrien.

Felix Moeller hat die besten Voraussetzungen, um sich mit Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff auseinanderzusetzen, denn anders als seine Eltern schwärmte er für Helmut Schmidt, "nicht nur wegen seiner Frisur". Schmidt vertrat in den Siebzigerjahren mit strenger Hornbrille und zusammengebissenen Zähnen den Staat und wollte ihn von der RAF befreien. Wie ein staunendes Kind, wie das Kind, das er damals war, befragt Moeller seine Eltern, die als "Sympathisanten" verschrien waren und entsprechend verfolgt wurden.

Aus dem Fernsehen dräute Gerhard Löwenthal, Bild und Welt hielten Hetzjagd auf alles, was sich auch nur halblinks von Schmidt äußerte. Heinrich Böll fürchtete, nicht mehr arbeiten zu können, und schrieb über die verlorene Ehre der Katharina Blum. Durchs Autofenster drohte die Maschinenpistole, Marius Müller-Westernhagen sang vom Polizeieinsatz: "Ein Nachbar rief uns an: Sie sind ein Sympathisant."

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Die Filmemacherin Margarethe von Trotta besitzt womöglich das wichtigste Archiv dieser Siebzigerjahre. Es besteht aus einem Schrank voller Tagebücher, alle ordentlich mit Datum und grober Einordnung beschriftet, eine Fundgrube für verspätete Sachbearbeiter beim Staatsschutz, aber auch für ihren Sohn, der sie damit nach der "Bleiernen Zeit" befragen kann. In diesem Film seiner Mutter wird die Sympathieerpressung am Beispiel der Schwestern Ensslin gezeigt.

Bei Moeller tritt auch Daniel Cohn-Bendit auf, der den ebenfalls sympathisierenden Jean-Paul Sartre zu Baader nach Stammheim brachte. Unvergessen auch die Sympathien, die der Mörder Peter-Jürgen Boock von Heinrich Böll bis Peter Schneider und Dieter Dorn einsammelte, weil er erst spät mit der Wahrheit herausrücken wollte, dass er ein mehrfacher Mörder war.

Die sogenannte Mordnacht von Stammheim war keine, aber ein letzter Versuch, den Staat zur leviathanischen Bestie zu erhöhen, nur darauf aus, alle Freidenker zu verschlingen. Mord oder Suizid wurde 1977 zur Gewissensfrage. In einer Filmszene erfährt Peter Schneider durch das Tagebuch verwundert, dass auch er, Schneider, in jenem "Deutschen Herbst" der Mord-durch-den-Staat-These zuneigte.

"Es war schon schick zu sympathisieren", sagt Marius Müller-Westernhagen heute. In den Siebzigern hätte auch die mit Schmidt befreundete Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff die RAF-Heroine Ulrike Meinhof nicht verraten, wenn sie nachts geklingelt hätte. Der abgrundwahre Satz von Franz Kafka - "Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt - es ist niemals gutzumachen" - bildet deshalb auch das Motto des Films von Moeller.

Trotzdem stimmt er hier nicht: Die erste Generation der RAF ging in den Untergrund, und die meisten kamen darin um; die mit ihrem Leiden befassten Künstler konnten weitermachen.

"Ich schmeiße keine Bomben, ich mache Filme", verkündete Rainer Werner Fassbinder, und er hatte recht: Filme sind besser als Bomben, zum Beispiel dieser, "Sympathisanten", heute Abend nicht zur besten Sendezeit, aber unbedingt sehenswert.

Sympathisanten. Unser Deutscher Herbst. Arte, Dienstag, 22.05 Uhr.

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