"Superpets" bei Sat 1:Fremdscham-Momente garantiert

Der Gockel

Jede Castingshow braucht mindestens einen Kandidaten, der sich und sein Gefieder sehr selbstbewusst zur Schau stellt und am liebsten über sich spricht - wenn er Michael Wendler heißt und in der Meta-Castingshow Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! auftritt, sogar in der dritten Person. Der Gockel taugt nicht zum Publikumsliebling wie der Paradiesvogel, aber zum kleinsten gemeinsamen Nenner der Verachtung. Zum Wesen des TV-Castings gehört es ja, Kandidaten gerade nicht vor sich zu schützen, sondern ihrer Persönlichkeit (mit allen Defiziten) freien Lauf zu lassen, was dem Zuschauer Fremdscham-Momente garantiert. Weil Michael Wendler offenbar nicht riskieren wollte, dass das Publikumsvotum an seiner gefühlten Überlegenheit kratzt, zog er übrigens freiwillig aus dem Dschungelcamp aus.

(David Denk)

Die Schlange

Larissa Marolt, "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!"

Bei Germany's Next Topmodel trat Larissa Marolt als Schlange auf, im Dschungel als Zicke beziehungsweise Lämmchen - je nach Betrachtungsweise.

(Foto: RTL / Stefan Gregorowius)

Sie isst nur zweimal im Jahr, und ihre Taille ist die schlankste von allen. Die gespaltene Zunge liegt ihr in den Genen, und auch wer sie noch nicht so genau kennt, spürt beim Anblick ihrer Bewegungen eine dezente Abneigung, Gänsehaut inklusive. Die Schlange ist der Quotenmagnet eines jeden Casting-Zirkus, in der Küche lästert sie über die anderen Kandidaten, vor der entscheidenden Challenge klaut sie der Konkurrentin den Glitzerschuh - und hilft hinterher beim Suchen, damit der Verdacht nicht auf sie fällt. So windet sie sich Woche für Woche in die nächste Runde, bis auch dem letzten Zuschauer klar ist, dass sie nicht wegen ihres Talents, sondern als Giftspritze geschätzt wird. Dann ist der Moment gekommen, in dem die Jury ihre Vergehen aufdeckt und sie öffentlichkeitswirksam rausschmeißt. Es gehört zu den Kernkompetenzen der Schlange, sich auch aus dieser Situation herauszumanövrieren: Sie habe die Show sowieso längst freiwillig verlassen wollen. So streift sie die Kritik der Klums und Bohlens schon auf der Bühne ab wie eine zweite Haut.

(Annika Domainko)

Das Lämmchen

Zu den wichtigsten dramaturgischen Voraussetzungen einer Castingshow gehören die zur rechten Zeit kullernden Tränen. Die Ursachen können vielfältig sein - die fiese Jury, die superfiesen Konkurrenten, der abgebrochene Absatz, der versemmelte Einsatz. Zur emotionalen Bindung des Zuschauers ist nur entscheidend, dass der Kandidat zum Kopftätscheln einlädt. Das Lämmchen also ist meistens jung, weiblich, hat große Kulleraugen und ein weiches Fell, und wenn Heidi Klum kein Foto hat oder Dieter Bohlen schlechte Laune, dann ist das Lämmchen sehr traurig. Bei Auslandsfahrten kommt auch noch das Heimweh dazu. Das Lämmchen schafft es selten in die letzte Runde, denn Klum und Bohlen wissen ja, dass in der wilden Welt da draußen ja doch nur der böse Wolf warten würde.

(Karoline Meta Beisel)

© SZ vom 06. Juli 2016/jobr
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