"Summer of the 90s" bei Arte Umweht von der Aura eines Hochstaplers

H.P. Baxxter (bürgerlich Hans Peter Geerdes) und die Jazz-Sängerin und Moderatorin China Moses sind die Gesichter des Arte-Themensommers Summer of the 90s.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

In einem Themenschwerpunkt rehabilitiert Arte die 90er-Jahre-Popkultur und zeigt bis Ende August Dokus, Kinohits und Konzerte. Moderiert wird der "Summer of the 90s" von HP Baxxter, dem Frontmann von Scooter. Der erreicht immerhin Menschen, die noch nie Arte eingeschaltet haben.

Von René Martens

Wie lange die 90er Jahre, popkulturell betrachtet, schon zurückliegen, wurde einem vor wenigen Wochen wieder bewusst, als unter ferner liefen eine Neuigkeit über den Musik-TV-Sender Viva bekannt wurde. Der Spartenkanal, der in jenem Jahrzehnt das Leben vieler damaliger Teenager prägte und der deutschen Popmusik zu einem Boom verhalf - ja, er existiert noch, aber ab Herbst dieses Jahres sendet er nur noch elf statt 24 Stunden täglich.

Sehr profitiert von Viva hat einst ein Mann, der seit Samstag an sieben Wochenenden als Moderator bei Arte zu sehen ist: HP Baxxter, das Gesicht der Band Scooter ("Hyper, hyper"). Der 48-Jährige präsentiert den Schwerpunkt Summer of the 90s, die mittlerweile achte sommerliche Rückschau des deutsch-französischen Senders auf die Pop-Historie.

Baxxter als idealer Präsentator

Als Protagonist von Eurodance war Baxxter eine Zeitlang verhasst bei den Lordsiegelbewahrern der elektronischen Tanzmusik. Bei der Präsentation von Summer of the 90s sagt er, mittlerweile fehlten ihm diese Anfeindungen "manchmal ein bisschen". Heute hat der Mann, dessen bekanntester Refrain "Döp-döp-döp-dö-dö-döp-döp-döp" lautet, in Teilen des Kulturbetriebs ein recht gutes Standing.

Scooter Ihre beste Bühnenpose?
Sagen Sie jetzt nichts, H.P. Baxxter

Ihre beste Bühnenpose?

Hans Peter Geerdes, besser bekannt als H.P. Baxxter und Sänger der Band Scooter, über Ausgeglichenheit, Pyrotechnik und Sojadrinks.

Er hat bei einem Stück im Hamburger Schauspielhaus mitgewirkt (Dorfpunks) und ist in Lars Jessens komödiantischer Mockumentary Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikgeschichte zu sehen. Und Irm Hermann, die einstige Weggefährtin Rainer Werner Fassbinders, hat vor einigen Jahren auf der Bühne des Kremser Donaufestival Übersetzungen von Scooter-Texten rezitiert. Auch aufgrund solcher Querverbindungen ist Baxxter ein idealer Präsentator - vor allem aber, weil er dank 30 Millionen verkaufter Tonträger Musikfans erreicht, die wohl noch nie in ihrem Leben Arte eingeschaltet haben.

Die Musik, für die Scooter steht, ist nur eine Facette von Summer of the 90s. Der Erfolg von Grunge, der Durchbruch von Techno, die Rivalität zwischen den britischen Starbands Oasis und Blur - all das ist ebenfalls Thema. "Gerade die stilistische Heterogenität" der 90er-Jahre-Musik sei ja "reizvoll" gewesen bei der Programmgestaltung, sagt Wolfgang Bergmann, der Geschäftsführer von Arte Deutschland. Außerdem sei es naheliegend gewesen, diesem Zeitabschnitt einen Schwerpunkt zu widmen, weil es "das letzte Jahrzehnt war, in dem Musik die treibende Kraft der Populär- und Jugendkultur war". Dann kamen die Handys, das Internet, die sozialen Netzwerke.

Zu viel Vermischtes

Im Detail hat Summer of the 90s Schwächen: Der Sender versteckt eine Doku über die stilprägende Szene Bristols (Massive Attack) im Nachmittagsprogramm, und der Film Come as you are will gleichzeitig Grunge, Riot Grrrl, Britpop und Nu Metal abhandeln. Es ist ja nicht untypisch für Musikdokumentationen im Fernsehen, dass sie Pferdeäpfel mit Glühbirnen vermischen.

Aufgewogen wird das aber unter anderen durch ein Juwel, das eine Woche nach dem Start des Schwerpunkts, am 27. Juli, zu sehen ist. Oliver Schwabe erzählt in Pump up the jam die Geschichte des Eurodance. Eine tragende Rolle spielt dabei, neben dem Schweizer DJ Bobo (Freedom), Schwerpunkt-Moderator Baxxter. Schwabe, der - so klein ist die Welt - Kameramann beim Fraktus-Film war, zeigt den Star daheim inmitten antiker Möbel. Baxxter inszeniert sich hier als Landadliger, stets umweht ihn die Aura eines Hochstaplers. Der Doku tut das gut.

Der Filmemacher kommt den Protagonisten des übel beleumdeten Genres sehr nahe - und rehabilitiert sie teilweise. Einmal greift ein gewisser Nosie Katzmann zur Gitarre und spielt eine Unplugged-Version von Culture Beats Mr. Vain - einer der zahlreichen Eurodance-Gassenhauer, die er komponiert hat. Plötzlich denkt man, halb schockiert, halb belustigt: Eigentlich gar nicht übel, das Stück.

Summer of the 90s, Arte, bis 24.8., samstags und sonntags sowie jederzeit bei arte.tv; Begleitprogramm im ARD-Hörfunk, zum Beispiel bei Bayern 2