"Süßer Rausch" im ZDF:Wie eine Flasche Obstbrand auf nüchternen Magen

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"Süßer Rausch" im ZDF: Schnaps, das war ihr letztes Wort: Leslie Malton als Julia, Brennerei-Erbin, Suchtberaterin und Hochprozentigem zugetan.

Schnaps, das war ihr letztes Wort: Leslie Malton als Julia, Brennerei-Erbin, Suchtberaterin und Hochprozentigem zugetan.

(Foto: Massimo Fabris/ZDF)

Sie saufen, sie lieben und sie schlagen sich, es ist alles ein großer Unfug, aber auch Unfug will hingebungsvoll gemacht sein: Der ZDF-Zweiteiler "Süßer Rausch".

Von Susan Vahabzadeh

Warum eigentlich, fragt man sich, wenn beim Anschauen von "Süßer Rausch" nach einer Weile die Gedanken die Flucht ergreifen, kommt die Mafia nicht darin vor? Ist doch sonst alles drin in dieser wüsten Panscherei: Inzest, Mord, Entführung, Erbstreitigkeiten, Familienzwist, Erpressung, Alkoholismus, häusliche Gewalt, feindliche Geschäftsübernahme, Krebs. Bei einer solchen Sintflut irdischer Übel ist die Auslassung der Mafia fast eine Diskriminierung.

Der ZDF-Zweiteiler "Süßer Rausch" erzählt in Hochglanzbildern, die nie wissen, welche Emotionen sie eigentlich provozieren wollen, die Geschichte der etwas unübersichtlichen Schnapsbrenner-Dynastie Preus: Firmenchef Karl hat eine Zwillingsschwester, Julia (Leslie Malton), eine Ehefrau (Désirée Nosbusch), eine Ex-Frau namens Constanze (Suzanne von Borsody) und eine Geliebte, dazu diverse Kinder und Schwiegerkinder und Neffen, einen Anwalt, der die Ex-Frau geheiratet hat und einen potenziellen Nachfolger, der gern zum Clan gehören würde, aber was nicht ist, das ist eben nicht. Die Feierlichkeiten zu seinem sechzigsten Geburtstag überlebt Karl nicht, und dann nimmt die oben aufgezählte Unglückslawine an Fahrt auf. Ricarda, die Ehefrau, verweigert ihre Krebsbehandlung, Julia will, statt Suchtberatung zu machen, lieber wieder selber saufen, und die Kinder und Kindeskinder lieben und schlagen sich.

Großartiger Unfug will genauso hingebungsvoll geschaffen werden wie große Kunst

"Süßer Rausch" fühlt sich an wie eine Flasche Obstbrand auf nüchternen Magen. Wer tut hier was weshalb? Warum trifft sich die Familie auf einem verschneiten Gipfel, um über ein Hotelprojekt zu diskutieren, das nie wieder vorkommt? Wieso trifft sich die Ehefrau mit der Geliebten auf einer Hängebrücke? Welche Funktion hat ein ganz armselig getextetes Geburtstagsständchen, wenn in der nächsten Szene eine der Figuren sich über seine Armseligkeit lustig macht?

Das soll selbstironisch rüberkommen, hat aber nur einen Beigeschmack von Verächtlichkeit für das, was man da macht. "Süßer Rausch" sollte mutmaßlich gleichzeitig Primetime-tauglich werden und camp, Kitsch, der weiß, was er ist und dabei so überladen, dass es schon wieder cool ist. Nur haben Sabine Derflinger und ihr Autor Sathyan Ramesh ihr Projekt dafür nicht genug geliebt. Großartiger Unfug will genauso hingebungsvoll geschaffen werden wie große Kunst.

Beispielhafte Szene für den Mangel an Hingebung: In einer unnötig komplizierten und wenig motivierten Wendung will Constanze, die Ex-Frau, Malerin werden. Doch Investigativ-Journalisten haben nichts Besseres zu tun, als ihren Galeristen als von Karl Preus gedungenen Strohmann zu entlarven. Auf einer komplett menschenleeren Straße lauert ihr nun ein Fernsehteam auf, von einem "People-Magazin", spezialisiert, so scheint's, auf B-Prominenz, die sich dort aufhält, wo die Provinz tief genug ist für menschenleere Straßen am helllichten Tag. Die erste brennende Frage der Reporterin, die Constanze konfrontiert: "Was ist Kunst?" Nicht mal Sarah Bernhardt hätte einen solchen Blödsinn so spielen können, dass er lustig wirkt oder geistreich oder wenigstens leichtfüßig. Aber immerhin hallt nichts davon lange genug nach für einen Kater.

Süßer Rausch, ZDF, Teil eins am Sonntag 20.15 Uhr, Teil zwei am Montag 20.15 Uhr.

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