Stuttgarter Tatort "Eine Frage des Gewissens" Einsatz am Kühlregal

Wenn es im Supermarkt eine Geiselnahme gibt, ist Spannung garantiert.

(Foto: SWR)

Die Kommissare Lannert und Bootz kämpfen nach einer Geiselnahme gegen Juristen von krümelmonsterhafter Gefräßigkeit. Der "Tatort" aus Stuttgart ist nicht schlecht - umso ärgerlicher, dass manchmal so arg dick aufgetragen wird.

Von Holger Gertz

Die Eröffnung dieses Tatorts ist so wuchtig wie vor Jahren die Einstiegsszene im Polizeiruf "Fieber". Damals presste ein Junkie die Pistole an den Kopf eines Kindes, diesmal hat der Gangster den Securitymann eines Supermarktes als Geisel im Griff. Der Gangster brüllt und schießt in die Knabbersachen, und die Handkamerabilder sind rasend schnell montiert.

Dosen und Gläschen, Sonderangebote, Gitterboxen, im Kontrast zu Gesichtern voll Angst und Hass. Klopfzeichen aus dem Kühlregal des Lebens. Wie jäh das Böse in die geordnete Welt einbricht, davon erzählen mitreißende erste Minuten. Und wie Kommissar Lannert den Geiselnehmer zwar erschießt, aber das Böse nicht erledigt: davon erzählt diese Episode vom SWR.

Überdeutliche Kotztüten

Eine der Ursachen für die Beliebtheit des Tatorts ist die klar umrissene Weltordnung, die dort angeboten wird. Die Ermittler sind beste Freunde, manchmal gibt es ein paar Verwerfungen, aber grundsätzlich kämpfen sie gemeinsam gegen den Rest der Welt, dieses Szenario sorgt für Heimeligkeit.

Bezeichnender Dialog: "Ich bin ziemlich fertig." - "Da sind wir schon zu zweit." In diesem Fall ist Kollege Sebastian Bootz jederzeit bereit, für seinen Freund Thorsten Lannert zu lügen, der von der Staatsanwaltschaft befragt wird: Hat er sich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht?

Die Mutter des getöteten Geiselnehmers hat zwei Anwälte in Stellung gebracht, die schmerzhaft überdeutlich als Kotztüten gezeichnet sind. Lannerts sympathisches Knautschgesicht und Bootzens etwas abgeschabte compassion kämpfen gegen Juristen von krümelmonsterhafter Gefräßigkeit; deren Worte sehen Zwischentöne nicht vor.

Bootz' Einsamkeit wirkt parodistisch

Sie klopfen die Belastbarkeit der Nähe zwischen den Kommissaren ab und nehmen dafür immer den Vorschlaghammer. "Wenn Sie glauben, dass ich Sie jetzt vom Haken lasse, haben Sie sich getäuscht", sagt der grimmige Anwalt. Während Lannert verhangen hinter seiner raumgreifenden Nase hervorschaut.

"Eine Frage des Gewissens" ist kein schlechter Tatort, die leading idea von Loyalität und dem Preis der Loyalität trägt das Stück, die Begegnung zwischen Gewissen und Recht. Umso ärgerlicher, dass manchmal so dick aufgetragen wird. Die Einsamkeit von Bootz wirkt parodistisch, wenn er allein in der Bar ewig auf den Grund des Glases schaut.

Und die Auflösung besingt und beschwört noch einmal die Werte von Heimeligkeit und Freundschaft, die natürlich siegt, weil sie immer siegen muss. Jedenfalls im Tatort.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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