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Stuttgart-Tatort "Scherbenhaufen":Reif fürs Museum

Dieser Tatort begeht eine Inszenierungs-Sünde, die typisch für die Krimiserie ist: Handlung geht vor Realitätsnähe. Sätze, wie sie Onkel Ludwig in der ZDF-Familienserie "Diese Drombuschs" vor 20 Jahren gesagt hat, geben dem schwergängigen Fall eine museale Note. Am Ende profitieren nicht die Schwaben sondern die Chinesen.

In diesem Stuttgarter Tatort hat es jemand auf den Chef einer Porzellanfabrik abgesehen, Schüsse sind gefallen, und Kommissar Lannert (Richy Müller) ermittelt in alle Richtungen, wie das immer heißt. Er landet unter anderem im Naturkundemuseum. Dort empfängt ihn ein Mann, der früher in der Porzellanfabrik gearbeitet hat, unehrenhaft entlassen wurde und jetzt im Museum auf die Dinosaurier und Wollmammuts aufpasst. Dieser Mann - der Tat verdächtig - steht in schlecht sitzender Uniform vor Knochengerüsten: Berührender lässt sich beruflicher Abstieg und persönliches Drama nicht illustrieren.

Tatort 'Scherbenhaufen': Der alte Mann und das Mehr

 Die Kriminalhauptkommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz im Suttgart-Tatort "Scherbenhaufen".

(Foto: dapd)

Wenig später beginnt der Verdächtige, auf seinem weiteren Weg nach unten, frisurentechnisch einem Wollmammut ähnlich zu sehen, da hat sich der Fall längst aus allen Sphären der Subtilität verabschiedet. Als die Söhne des Firmenchefs sich anschreien, darf Lannert zuhören.

Als ein wichtiges China-Geschäft begossen wird, hindert natürlich niemand in der Porzellanfabrik den Kommissar daran, den mit Schwaben und Chinesen gefüllten Festraum zu entern und unangenehme Fragen zu stellen. Klassische Tatort-Inszenierungs-Sünde: Wenn die Handlung vorangetrieben werden muss, darf auf Realitätsnähe keine Rücksicht genommen werden.

Mein Gott, heutzutage schummelt jeder" steht im Drehbuch, und auch "Du kannst nicht schwimmen, ohne nass zu werden": Sätze, wie sie Onkel Ludwig in den Drombuschs gesagt hat, aber das ist auch schon wieder gut zwanzig Jahre her. Das Museale schwebt sozusagen programmatisch über dem schwergängigen Fall, in dem nur ein weiteres Kapitel einer sehr alten Geschichte erzählt wird: Für Kohle tut man alles.

Zwar ist Otto Mellies ein beeindruckend raunender Patriarch, ein auf korrupt gestrickter Bellheim. Und zwischen den Ermittlern Lannert und Bootz knistert es derart, dass sie wohl bald zusammenziehen werden. Aber am Ende profitieren, wie immer, die Chinesen. In Asien werden Europäer Langnasen genannt, und bei der Feierstunde in der Porzellanfabrik haben die Chinesen Gelegenheit, mit Blick auf Lannert festzustellen, dass dieser Begriff die Wirklichkeit manchmal nur unzureichend beschreibt.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.