Studie zur "Tagesschau" Im Bildersturm

1,5 Sekunden für ein Bild? Seit digital und nicht mehr mit Bändern geschnitten wird, gibt es für die Geschwindigkeit keine technischen Grenzen mehr.

Internetvideos haben dann viele Zuschauer, wenn sie schnell geschnitten sind. Sogar in der "Tagesschau" ist das Tempo heute viel höher als noch vor ein paar Jahren. Aber kann der Zuschauer das überhaupt noch verstehen?

Von Markus Mähler

Nach dem Sturm weint eine Mutter um den Sohn, der ihr aus den Händen gerissen wurde, Überlebende irren durch Ruinen, Erschlagene liegen abgedeckt unter leeren Weizensäcken. Plötzlich springt die Tagesschau vom 9. November 2013 chronologisch zurück. Dächer fliegen durch die Luft, Palmen knicken, Häuser reißen wie Papier auseinander. Ein Parforceritt durch den Taifun Haiyan. Verzweiflung und Zerstörung im Stakkato. Bilder, die in hohem Tempo wechseln.

Wie viel Zeit nahm sich die Sendung dagegen vor 20 Jahren: Am 9. November 1993 spricht Rita Süssmuth 52 Sekunden ununterbrochen über die Novemberpogrome von 1938. Alle 7,4 Sekunden wechselte das Bild im Filmbeitrag. 2013 werden es beim selben Thema nur noch vier Sekunden sein. Klar, das kann an der Nachrichtenlage liegen. Wenn mehr zu berichten ist, muss es schneller gehen. Aber muss es auch schneller präsentiert werden?

Nein, sagt Chefredakteur Kai Gniffke. Er sieht seine Tagesschau "nicht hektisch". Im Gegenteil: "Bei mir kann eine Schnittsequenz auch mal zehn oder zwanzig Sekunden dauern." Doch eine Studie der Medienforscher Camille Zubayr und Andreas Fahr zeigt, dass die Schnittfrequenz in der Tagesschau 1975 bei 10,2 Sekunden lag. 1995 waren es nur noch 6,6 Sekunden. Seitdem sinkt der Durchschnittswert offenbar weiter: von 7,02 auf 4,7 Sekunden bei den Filmbeiträgen der Nachrichtensendung. Dafür wurden drei Stichproben vom November 2013 mit den Ausgaben am selben Tag 20 Jahre früher verglichen.

Immer schneller

Es wird aber noch schneller. "Aus den USA oder Australien kommen Bildfolgen mit einer dort ganz normalen Frequenz von 1,5 Sekunden", sagt Sebastian Köhler, der als Fernsehjournalist bei Thomson Reuters Filmbeiträge für Nachrichtenwebseiten aufbereitet. Getrieben wird diese Entwicklung vom Sehverhalten im Internet, wo die Aufmerksamkeitsspanne der Nutzer oft nur Sekunden reicht. Kann der Film ihn nicht sofort hineinziehen, wird weggeklickt.

Aufmerksamkeit ist für Köhler das entscheidende Kriterium. Wo und wie lange sie verweilt, misst er anhand der Klicks. Überschaubare, schnell geschnittene Beiträge unter 30 Sekunden nennt Köhler salopp die "Klickmonster". Teure, längere, aufwendig recherchierte Beiträge werden seltener und nicht bis zum Ende gesehen: "Sie können keine grundsätzlichen Fragen in 25 Sekunden abhandeln, aber ein steppender Pudel in Rio, das geht."