Studie zur Medienselbstkontrolle:Erste Instanz: das Gewissen

Den redaktionsinternen Leitlinien und Presse-Kodizes messen die Befragten noch die größte Verantwortung zu, wenn es um Selbstregulierung geht. So bewerten europäische Journalisten Medienverantwortung allgemein als positiv. Sie sei immerhin die Voraussetzung für Pressefreiheit. Doch traditionelle Instrumente wie Presseräte oder digitale wie Medienblogs sind für sie kaum entscheidend. Zwar schätzen sie die Publikumskritik via Facebook oder Twitter, trotzdem sehen sich deutsche Journalisten, laut Studie, noch stärker als in anderen Ländern als "Gatekeeper": Die Antwortmöglichkeit, Redaktionen sollten Nutzern die Möglichkeit geben, online an der Produktion von Geschichten mitzuwirken, fand nur schwache Resonanz. Sie fühlen sich sogar häufiger ihren Quellen anstatt ihrem Publikum gegenüber in der Verantwortung. Als erste Instanz nannten alle Befragten ihr Gewissen.

Warnsignal Journalistenausbildung

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass in Deutschland unterschiedliche Kulturen der Medienverantwortung herrschen. Der Arbeitgeber spielt offenbar eine große Rolle dabei: So ist für deutsche Journalisten bei Printmedien, Agenturen und öffentlich-rechtlichen Sendern die Medienselbstkontrolle wichtiger als für private Konkurrenten.

Laut Studie fehlt es an Lob aus der Redaktion, an mäßig geförderten Debatten mit den Lesern durch das Management und noch ausbaufähiger Ausbildung. Die Situation von Journalistik-Studiengängen wie in Leipzig bewertet die Branche als Warnsignal. Dort stand die Ausbildung von Redakteuren 2011 kurz vor dem Aus, weil PR-Professoren ihren Fachbereich ausweiten wollten.

Wenn vor allem deutsche Medienmacher die Selbstkontrolle als durchschnittlich bedeutungsvoll ansehen, wie kann man das ändern? Während die Studie zum einen die Mängel in Redaktionen aufzeigt, stellt sie zum anderen Lösungsansätze vor. Gefragt seien nach dieser Bilanz nun Medienhäuser und Chefredakteure. Sie sollten Sanktionen verhängen, wo Selbstkontrolle nicht ernstgenommen wird, so die Studie. Das Erich-Brost-Institut fordert mehr Transparenz in den Verlagen, denn die "Menschen vertrauen eher solchen Medien, die Korrekturen und Entschuldigungen veröffentlichen". Diese Antwortmöglichkeit erhielt unter deutschen Journalisten die meiste Zustimmung im europäischen Vergleich.

Ebenso große Zustimmung erhielt der Vorschlag, dass Medienhäuser ihre Eigentümerstrukturen und auch politische Verbindungen offenlegen sollten. Süd- und osteuropäische sowie arabische Journalisten sehen das allerdings anders. Die Studie begründet dies mit der Vermutung, dass sich dort zahlreiche Medien in Staatshand oder im Besitz politischer Bewegungen befänden.

Zur Frage, ob sich der Staat in Medienangelegenheiten einmischen soll, machen sich deutsche Journalisten im europäischen Vergleich die meisten Sorgen. Das resultiere, so die Studie, noch aus der Zeit der NS- und der DDR-Regime, die Medien für ihre Zwecke missbrauchten.

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