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Studie zu Politik-Talkshows:Immer wieder sonntags

Anne Will; Anne Will

Kommen die Ihnen bekannt vor? Das hat Gründe, zeigen die Ergebnisse einer Studie zu Polit-Talkshows.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs/NDR/Wolfgang Borrs)

Eine Studie untersucht, welche Gäste in den großen Talkshows zu Wort kommen. Und stellt fest: Es sind immer wieder die gleichen Politiker und Journalisten zu sehen. Andere Perspektiven fehlen.

Von Thomas Hummel

Anne Will ist mit einer Otto-Normal-Talkshow aus der Sommerpause zurückgekehrt. Drei Bundespolitiker saßen am Sonntag in ihrem Studio, dazu eine Wissenschaftlerin und mit Wolfgang Ischinger ein Ex-Diplomat und Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Es ging um den Giftanschlag auf den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, debattiert wurde aus strikt deutscher Sicht. Wie üblich.

Die oftmals nationale Herangehensweise ist einer der Kritikpunkte der Studie "Die Talkshow-Gesellschaft" von der Denkfabrik Das Progressive Zentrum. Die Autoren Paulina Fröhlich und Johannes Hillje haben 1208 Sendungen aus den vergangenen drei Jahren untersucht, vor allem die "Big 4" der deutschen Polit-Talks in ARD und ZDF, wie sie die Shows nennen: Anne Will, Hart aber fair, Maischberger und Maybrit Illner. Teilweise werteten sie zudem Sendungen von Markus Lanz und der Phoenix Runde aus. Den Fokus legten sie darauf, welche Themen besprochen und wer eingeladen wurde, mit der Frage: "Wer spricht für wen?" Werden in den populären Runden der öffentlich-rechtlichen Sender die Zuseher in ihrer Vielfalt repräsentiert?

Die Autoren der Studie beobachten eine "Cliquenbildung" in den großen Talkrunden

"Repräsentation ist ein zentraler Funktionsmechanismus unserer demokratischen Ordnung", schreiben die Autoren. Finde sich ein Teil der Gesellschaft in der Öffentlichkeit nicht mehr wieder, führe das zu Entfremdung, wie das etwa in der Flüchtlingskrise oder aktuell in der Corona-Krise zu beobachten sei. Nach dem Motto: Wer dem politischen System misstraut, der schreit auch gerne "Lügenpresse". Den Talkshows komme aufgrund ihres Millionenpublikums und der anschließenden Berichterstattung darüber eine besondere Bedeutung zu. Die Studie ergibt, dass die Sendungen in wesentlichen Aspekten immer ähnlich ablaufen.

Die Autoren bemängeln, dass relevante Gruppen kaum zu sehen sind. Aus dem Wirtschaftsleben etwa repräsentieren acht von zehn Gästen die Unternehmerseite. Hingegen werden Gewerkschaften, Sozialverbände oder Nichtregierungsorganisationen kaum eingeladen. Grund dafür sei unter anderem, dass jeder neue Gast ein "Betriebsrisiko" darstelle, weil dieser sich noch nicht in einer Talkrunde bewährt habe. Allein beim Thema Klimakrise habe es die Bewegung Fridays for Future "von der Straße in die Talkshow-Sessel" geschafft. Dabei werde Organisationen wie dem Mieterschutzbund oder Verbraucherschützern von der Bevölkerung oft mehr Vertrauen entgegengebracht als Politik und Medien. "Sie würden eine relevante zusätzliche Perspektive in die Gesprächsrunden einbringen", schreiben Fröhlich und Hillje. Stellenweise könnten solche Organisationen auch eine Brücke bauen, finden die Autoren, und womöglich zum Populismus neigende Menschen in die demokratische Debatte zurückholen. "Die Organisation Lobbycontrol etwa stellt nicht das politische oder wirtschaftliche System infrage, weist aber fundiert auf die Schwachstellen hin", sagt Johannes Hillje am Telefon.

Stattdessen beobachten die Autoren eine "Cliquenbildung" in den großen Talkrunden. Fast zwei Drittel der Gäste sind Politiker und Journalisten. "Zugespitzt formuliert, trifft in den Talkshows Hauptstadtpolitik auf Hauptstadtjournalismus", schreiben Fröhlich und Hillje. Bei Anne Will ist der Politikeranteil mit fast 60 Prozent am höchsten, insofern hat sie am Sonntag mit den Gästen Norbert Röttgen (CDU), Jürgen Trittin (Grüne) und Sevim Dağdelen (Linke) ihren Trend fortgesetzt. Ebenso: die Tendenz, vornehmlich Vertreter der Bundesebene einzuladen - von dort kommen mehr als zwei Drittel der Politiker. Kommunalpolitiker dagegen sind zu 2,4 Prozent in den Talksendungen vertreten. Ungewöhnlich war bei Anne Will diesmal allein, dass kein Medienvertreter in der Runde saß. "Die Standardbesetzung aus Politik plus Journalismus, wie auch die permanente Wiederkehr derselben Köpfe aus diesen zwei Bereichen, verengen eben diese Meinungsvielfalt und lassen Chancen für mehr Nähe zu Bürgerinnen und Bürgern ungenutzt", heißt es in der Studie.

Gerade für die EU ist die mangelnde Präsenz ein Problem. So hat nach Ansicht von Medienexperten die jahrelange Absenz europäischer Vertreter in britischen Medien den Brexit maßgeblich vorbereitet. Die Probleme lassen sich immer gerne auf denjenigen schieben, der nicht mit am Tisch sitzt. In deutschen Talkshows kommen Politiker nur zu 7,3 Prozent von der europäischen Ebene, schreiben die Autoren, dabei nennen sie auch Beispiele für EU-Politiker, die gut Deutsch sprechen und somit als Gäste infrage kämen. Wichtige Entscheidungen werden schließlich auch in Brüssel getroffen. Im Fall Nawalny etwa berät die EU gemeinschaftlich über die politischen Folgen.

Ein Kapitel widmen die Autoren den Sendungen in den ersten Wochen der Corona-Krise. Dabei gab es einige Verschiebungen, der Anteil der Wissenschaftler zum Beispiel stieg von knapp neun Prozent auf 26,5 Prozent der Talkshow-Gäste. Dagegen kamen von 341 Gästen in 71 Sendungen nur je zwei Personen aus den Bereichen Soziales und Bildung.

© SZ/hy/ebri
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