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Streit zwischen Papst und "Titanic":Mit Kurbel und Klerus

Der Papst klagte - und kurz war die "Titanic" wieder in aller Munde. Andere Anlässe über das Magazin zu sprechen gab es in den vergangenen Monaten nur wenige. Die "Titanic" ist ein humoristisches Reaktionsmedium geworden, das kaum noch eigene Themen setzt.

Wenn man im Streit um das angeblich blasphemische Titelbild der Titanic gerecht und gelassen sein möchte, könnte man der katholischen Kirche zugute halten, sie habe schon wegen geringerer Anlässe den Hammer auf gottlose Spötter niedersausen lassen. Als im November 1960 der Karnevalsschlager "Schnaps, das war sein letztes Wort" einen vorderen Rang in der deutschen Hitparade eingenommen hatte, riefen zwei Frankfurter Kirchenmänner den Textdichter Günther Schwenn per Donnerwort zu Ordnung.

Titanic Papst

Katholiken haben sich schon über geringere Anlässe aufgeregt als das Papst-Cover. "Titanic"-Chef Leo Fischer kettete sich an eine protestantische Kirche.

(Foto: dapd)

Wenn Schnaps wirklich das letzte Wort des Menschen sei, dann müsse die Menschheit in ewiger Verdammnis verloren gehen. Der Glaube, so Dekan Seesemann und Pfarrer Zeiß damals, werde aufs Schändliche ins Lächerliche gezogen und das Lied müsse aus dem Verkehr gebracht werden.

Nun weiß jeder, was wirklich passierte: Willy Millowitsch sang das Lied jahrzehntelang im frommen Köln, ohne dass eine Schindel vom Dom rutschte. Den Papst des Jahres 2012 auf dem Titelblatt der Titanic zum inkontinenten Jubelgreis zu montieren, ist da schon von anderem Kaliber. Möglicherweise würde sich auch ein weltlicher Würdenträger unverhältnismäßig frappiert fühlen, wenn er als jemand dargestellt wird, der seine Körperfunktionen nicht im Griff hat.

Natürlich hat es - wenn man die Geschichte der Klerusbeleidigung anschaut - intelligentere Angriffe von Satirikern auf die Kirche gegeben, von George Grosz' Jesus mit Gasmaske und Knobelbecher bis hin zu den entspannten Jesus-Karikaturen von Gerhard Haderer. Es hat auch folgenreichere gegeben wie die aus heutiger Sicht eher milden Spöttereien des heute vergessenen Dichters Oskar Panizzas, der dafür ins Kittchen wanderte.

Andererseits ist es auch wieder wohlgefällig, der Titanic ständig ihre pubertäre Affekt-Satire vorzuhalten, denn natürlich gehört es zum Handwerk des Satirikers, weihevolle Gegenstände zu entweihen, Großes klein zu machen, vorgeblich Unantastbares anzutasten.

Die Titanic steht in der Nachfolge der neuen Frankfurter Schule, deren Mitglieder Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt und F.W.Bernstein zu den Gründern des Magazins gehörten. Die selben Männer haben den Vorgänger Pardon redigiert, und auch hier gab es hin und wieder Abreibungen für die Kirche und ihre Amtsträger. Nun kann man, ohne sich küchenpsychologisch aufzumandeln, darauf hinweisen, dass sowohl Henscheid als auch der aktuelle Titanic-Chefredakteur Leo Fischer in jungen Jahren vom katholischen Purgatoriumsdunst umweht wurden, und beide sich davon freiwedeln müssen - der ältere Henscheid mit theologisch grundierter Grandezza, der jüngere Fischer mit adoleszenter Ich-hab-den-Papst-besiegt-Pose.