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Streit um Werbung an Schulen:Großer Bauer jagt kleinen "Spiesser"

Der mächtige Bauer-Verlag versucht die kleine Jugendzeitschrift "Spiesser" mit juristischen Winkelzügen aus bayerischen Schulen zu verdrängen. Doch der kleine Konkurrent hält dagegen - und die Schuldirektoren wissen scheinbar von nichts.

Katharina Riehl

Es wirkte schon etwas obskur, als der Bauer-Verlag (Bravo, In Touch) im März einen Brief an bayerische Schuldirektoren verschickte und sich dabei auf Paragraph 84 des Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen bezog. Der Verlag bat die Direktoren aufzuklären, "auf welcher rechtlichen Grundlage die Verbreitung" des kostenlosen Jugendmagazins Spiesser an ihrer Schule erfolge.

Ost-Jugendzeitschrift 'Spiesser' expandiert

Nicht viele Unternehmensgründungen aus dem Osten bringen große bundesdeutsche Verlage in Bedrängnis, doch das Medien-Unternehmen "Spiesser" scheint so eins zu sein.

(Foto: dpa/dpaweb)

Bei Spiesser handle es sich um ein "anzeigenfinanziertes und damit kommerzielles Objekt", das "im Interesse des Werbekunden" arbeite. Dadurch begegne es "erheblichen Bedenken" im Hinblick auf das Werbeverbot an Schulen, argumentierte Bauer. Spiesser hat eine einstweilige Verfügung erwirkt, Bauer darf vorläufig nicht mehr behaupten, dass es rechtliche Bedenken gebe. Bauer will die Sache gerichtlich endgültig klären.

Der Fall klingt nach David-gegen-Goliath, ein mächtiger Konzern, der einen kleinen, aber erfolgreichen Gegenspieler auszustechen versucht. Doch ist es wirklich so einfach?

Die Jugendzeitschrift Bravo aus dem Bauer-Verlag steht im Bezug auf Werbekunden in Konkurrenz zum Spiesser. Vor allem für Anzeigenpreise entscheidend ist die Auflage: Die Bravo weist ihre Auflage bei der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) über die Verkaufszahlen aus, beim Spiesser wird die verteilte Auflage gemessen.

Diese lag mit zuletzt 775.208 Exemplaren deutlich höher als die der Bravo (417.619 Stück, je zweites Quartal 2011). Mit dem Brief an die Schulen wollte Bauer überprüfen, ob der Spiesser tatsächlich ausliegt, wo er behauptet: Nach Ansicht von Bauer wirbt Spiesser mit Zahlen, die mit den eigenen Verkaufszahlen nicht zu vergleichen seien.

Die Aktion von Bauer brachte nun etwas Erstaunliches hervor: Auf besagtes Schreiben an die Rektoren teilten einige Schulleiter mit, den Spiesser nicht auszulegen oder gar nicht zu bekommen. Spiesser konnte aber mit Zustellbelegen nachweisen, dass die Hefte an den Schulen angeliefert wurden; einigen Unterschriften zufolge quittierten die Lieferung zum Beispiel auch Sekretärinnen oder Hausmeister.

Zum Teil legte der Spiesser auch Fotos vor, die belegen sollten, dass das Heft an den betreffenden Schulen ausliege. Die Beweisführung des Spiesser legt wohl folgenden Schluss nahe: Der eine oder andere Rektor scheint nicht genau zu wissen, was in seiner Schule alles ausliegt.

In Deutschland gilt in einigen Bundesländern ein grundsätzliches Werbeverbot an Schulen, etwa in Bayern oder Baden-Württemberg. Die Regelung soll Schüler vor wirtschaftlichen oder politischen Interessen schützen - Schüler sind für Werber eine attraktive Zielgruppe. Andere Länder wie Berlin kennen keine solche Regel.

Grundsätzlich ist das Verbot insofern, als es Ausnahmen gibt: Jeder Schulleiter, erklärt das bayerische Kultusministerium, kann entscheiden, ob eine Publikation im "schulischen Interesse" liege, er sie also zulassen will. So können etwa auch Tageszeitungen von Lehrern bestellt und im Unterricht verwendet werden. Eine Entscheidung des Schulleiters ist somit aber auch Voraussetzung.

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