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Streit um Film-Synchronisation:Eigener schöpferischer Akt?

Auf den ersten Blick ist das ein fast absurder Streit zwischen einem Einzelkämpfer und einem Hollywood-Konzern. Doch er könnte von Bedeutung werden für die gesamte Film- und Fernsehbranche. Und das liegt nicht nur daran, dass Off eigentlich gar nicht ganz alleine ins Feld zieht.

Der Interessen-Verband der Synchronschauspieler (IVS), ein Verein mit knapp 300 Mitgliedern, gibt ihm Rückendeckung, übernimmt beispielsweise die Verteidigungs- und Prozesskosten - bisher, so Off, um 20.000 Euro. Als erster Synchronsprecher begründet Marcus Off seine Klage mit dem Urheberrechtsparagraphen 32, dem sogenannten "Fairnessparagraphen". Der wurde mit der Urheberrechtsreform 2002 eingeführt. Es geht darin um "angemessene Vergütung". Paragraph 32 versetzt einen Urheber in die Lage, eine Nachforderung gegenüber seinem Vertragspartner dann geltend zu machen, wenn zwischen der vereinbarten Gegenleistung und den Erträgen aus der Nutzung des Werkes ein "auffälliges Missverhältnis" bestehen sollte.

Im Januar erreichte der Übersetzer eines Sachbuchs so vor dem BGH, dass der betroffene Verlag sein Honorar mit einer absatzbezogenen Vergütung verknüpfen musste, um eine angemessene Beteiligung am Bucherfolg zu gewährleisten. Ein Urteil mit Auswirkungen auf die Verlagsszene. Muss sich nun auch die Filmbranche auf ein Musterurteil und unzählige Nachforderungen von Synchronsprecherschauspielern einstellen?

Marcus Off, der aus Überlingen am Bodensee stammt, leitet jedenfalls aus dem Gesetz ab, dass sein Beitrag am Millionenerfolg Fluch der Karibik keinesfalls angemessen vergütet worden sei. Doch sind Synchronschauspieler überhaupt Urheber? Für Disney ist der Fall klar. Bereits in der Klage-Erwiderung vom September 2008 führte die Filmgesellschaft an, dass Synchronsprecher wie Off nicht anders als Nachrichten- oder Rundfunksprecher zu behandeln seien. Weiter hieß es damals: "In gewisser Weise liefern Synchronsprecher sogar einen geringeren schöpferischen Beitrag, da sie schlicht die Stimme und Sprache eines Schauspielers imitieren, der den Text bereits als Teil eines dramaturgischen Werks aufgeführt hat."

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht gut zu wissen, dass Off den ersten Teil der Blockbuster-Reihe nur nachsynchronisiert hat, nachdem Disney mit der Interpretation des gebuchten Depp-Sprechers David Nathan nicht einverstanden war. Off sprang für Nathan ein. So ganz einfach scheint die Aufgabe also nicht gewesen zu sein. Ob Marcus Off deshalb aber ein eigener schöpferischer Akt gelang? Von Disney will sich auf Anfrage niemand äußern. Selbst Urheberrechtsexperten fällt eine klare Antwort schwer.

Ingo Jung, Anwalt für gewerblichen Rechtsschutz in einer Kölner Kanzlei, hat sich mit Urheberrechtsfragen im Synchronsprechergewerbe beschäftigt. Er sagt: "In der Regel hat die Leistung der Synchronsprecher keinen Werkcharakter." Drücke der Synchronsprecher jedoch der von ihm synchroniserten Figur seinen Stempel auf, schaffe er in einem schöpferischen Akt einen eigenen Wiedererkennungswert, der auf seiner künstlerischen Leistung beruhe. Dann sei von einem urheberrechtlich relevanten und schützenswerten Schaffen auszugehen. Zur Beurteilung dieses komplizierten Sachverhalts sah sich der Richter am Kammergericht Berlin laut Urteilsbegründung vom 29. Juni 2011 "ohne sachverständige Hilfe in der Lage".

Die Mitglieder des ständig mit Urheberrechtsfragen befassten Senates, so ist der schriftlichen Begründung weiter zu entnehmen, gehörten zu dem an den streitgegenständlichen wie auch sonstigen Filmwerken interessierten Publikum. Mit anderen Worten: Die Richter am Kammergericht sind augenscheinlich Cineasten, mehr noch: Fluch der Karibik-Fans. In der Urteilsbegründung legten sie ohne zu zweifeln dar: "Zur originären schauspielerischen Leistung des Johnny Depp konnte er (Marcus Off) keinen eigenen Beitrag mehr leisten, da die Filme bei ihrer Synchronisation bereits fertig gestellt sind." Das klingt fast so, als hätten sie selbst mitgespielt.