Süddeutsche Zeitung

Primetime Emmy Awards:Ein guter Freund

Die Verleihung der Primetime Emmy Awards zeigt, wie effizient die TV- und Streamingbranche auf die Wünsche des Publikums reagiert.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

"Duuuu-uu-uuuu, du hast, was ich brauuu-uu-uuuuch!" Es passte, dass Moderator Cedric the Entertainer diesen Abend mit einer Hommage an den unvergessenen Song "Just a Friend" des kürzlich verstorbenen Rappers Biz Markie begann. Die Primetime Emmy Awards, wichtigster Preis der TV- und Streamingindustrie, sollten in der 73. Auflage nicht nur die Feier der eigenen Großartigkeit sein, sondern vor allem ein Versichern der gesellschaftlichen Relevanz; und was waren die vergangenen zwölf Monate sonst außer der Beweis, dass die Unterhaltungsbranche in kontaktarmen Zeiten viel zu bieten hat: Inspiration, Information, Ablenkung, also das geben kann, was auch ein guter Begleiter, in den besten Momenten sogar ein Freund offeriert.

Im Fall des großen Gewinners The Crown hat diese Netflix-Serie noch ein Lebensgefühl von höherer Lebensart, Exklusivität und Gossip zu bieten. Elf Emmys gingen an die royale Zeitgeschichtsserie, davon sieben in wichtigen Kategorien für beste Dramaserie, Drehbuch, Regie und allen vier Schauspielerkategorien. Unter anderem wurden Olivia Colman für ihre Darstellung der Elisabeth II. sowie Josh O'Connor als Prinz Charles jeweils für die beste weibliche beziehungsweise männliche Hauptrolle in einer Dramaserie ausgezeichnet.

Bei den Comedy-Kategorien stach die Serie über einen ahnungslosen US-Fußball-Trainer in England hervor. Ted Lasso führt einem vor Augen, wie unwichtig es ist, immer recht haben zu müssen - und wie viel wichtiger es ist im Leben, nett, hilfsbereit und optimistisch zu sein. Auszeichnung als beste Comedy-Serie, dazu Awards für die Schauspieler Jason Sudeikis, Hannah Waddingham und Brett Goldstein (der wie seine Figur Roy Kent auf der Bühne mal gepflegt fluchte) - und die wohl schönste Dankesrede des Abends, als Miterfinder Bill Lawrence sagte: "Wir alle wissen, wie glücklich wir sind, damit unser Geld zu verdienen."

Oder die Preise für die Satiresendung Saturday Night Live sowie für die politischen Talk-Shows Last Week Tonight With John Oliver und Stephen Colbert's Election Night 2020: Satire ist einfach, wenn sie draufhaut im Glauben, auf der historisch (oder wenigstens moralisch) richtigen Seite zu sein - genial wird sie, wenn sie dechiffriert und persifliert, wenn sie Haltung wissenschaftlich begründet und dann auch noch witzig aufbereitet. Und wenn es egal ist, ob die Leute live zusehen, solange sich die Botschaft irgendwie (auf Twitter zum Beispiel) verbreitet, die Leute darüber schmunzeln (bei Satire stets besser als Schenkelklopfer-Lachen) und nachdenken. Dann wird Satire relevant, die Debatte darüber fruchtbar.

Klar gab es eine Debatte: Kein einziger Schauspieler-Preis ging an Nicht-Hellhäutige

Eine Debatte gab es trotz einiger gesellschaftlich relevanter Preise: Die dunkelhäutige Autorin Michaela Coel gewann für ihre Serie I May Destroy You. Ru Paul ist mit elf Trophäen nun die am häufigsten prämierte schwarze Person. Und Kate Winslet, als beste Hauptdarstellerin für Mare of Easttown ausgezeichnet, rief den Leuten zu: "Das ist das Jahrzehnt, in dem es darum gehen muss, dass sich Frauen gegenseitig helfen." Obendrein siegten Jessica Hobbs und Lucia Aniello in den Regie-Kategorien. Aber: kein einziger Schauspieler-Preis ging an Nicht-Hellhäutige - also "#EmmysSoWhite", wie die Zeitschrift Variety sofort titelte? Ja, Billy Porter (Pose) und Kenan Thompson (Saturday Night Live) lieferten Emmy-würdige Leistungen, wie auch der kürzlich verstorbene Michael K. Williams (Lovecraft Country) - es sind aber keine, wie man in den USA gerne sagt, "Snubs", also Brüskierungen, dass Josh Connor und Tobias Menzies sowie Sudeikis gewannen.

Es war die Nacht der Streamingportale Netflix (The Crown, The Queen's Gambit), Apple TV+ (Ted Lasso) und HBO Max (Hacks) und damit ein weiteres Signal für den Wandel der Branche. Was diese jedoch noch nicht erkannt hat, obwohl sie doch sonst jeden Trend erschnüffelt: eine drei Stunden dauernde Award-Show? Neiiii-ii-iiiin, das braucht kein Mensch.

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