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Science-Fiction-Dating-Serien:Gematcht, verliebt, verheiratet

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Sehnsucht nach dem ultimativen Liebesbündnis: Szene aus "Osmosis".

(Foto: Jessica Forde/Netflix)

"Soulmates", "Osmosis", "The One": Was dahintersteckt, wenn jetzt gerade in vielen Serien Menschen durch moderne Technologien ihren Seelenverwandten suchen

Von Sabina Zollner

"Eine einzige Haarsträhne! Nur damit werden Sie mit der Person gematcht, in die Sie sich garantiert verlieben werden", ruft die Dating-Visionärin Rebecca Webb ihrem Publikum zu. Im eleganten Hosenanzug steht sie auf einer großen Bühne, die an eine Kulisse des TED-Talk erinnert, der berühmten kalifornischen Innovationskonferenz. Auch Webb hat eine revolutionäre Idee: Mit ihrem Start-Up hat sie die Datingwelt auf den Kopf gestellt. Die Neurowissenschaftlerin hat einen Gentest entworfen, mit dem einem der perfekte Partner zugeteilt werden kann. So das Setting in der Netflix-Serie The One.

Die Idee einer Technologie, die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Sexualität und ihres Geschlechts zusammenzuführt, diese Idee verhandeln neben The One auch Science-Fiction-Serien wie die Soulmates auf Amazon oder die französische Netflix-Produktion Osmosis. Sie alle spielen mit einer speziellen Form der Selbstoptimierung: der Sehnsucht nach dem ultimativen Liebesbündnis. Die Zeiten der freien Liebe haben zu nichts geführt, die willkürliche Partnerwahl macht unglücklich, es muss Gewissheit her, so die Botschaft.

Die Serien The One und Soulmates spielen beide in naher Zukunft. Es sind keine dystopischen Parallelwelten, vielmehr geht es um Menschen, die gewöhnliche Berufe ausüben, in Restaurants gehen und sich abends auf einen Drink treffen. Doch etwas hat sich verändert: Die Straßen sind voller frisch verliebter Paare, und alle reden über den Test.

Interessant, welch konservative Vorstellung von der Liebe diesen Tech-Serien zugrunde liegt

Im Zentrum von "The One" stehen die Menschen, die diese Technologie auf nicht ganz legale Art und Weise erschaffen haben

Was hier durchgespielt wird, ist auch der Gedanke vollkommener Rationalität. Während man sich vorher willkürlich, spontan und oft auch unglücklich verliebte, wird die Liebe durch Technologie zu einem logischen Prozess, basierend auf Berechnungen aus Datenbanken. Liebe kann errechnet und erforscht werden. Und sobald der Test gemacht wird, kann niemand mehr seinem Ergebnis entkommen.

In The One sind es überwiegend wohlhabende Großstädter, die teilnehmen. Anhand genetischer Codes wird nach dem perfekten Partner gesucht. Die Serie konzentriert sich dabei hauptsächlich auf die Geschichte der Menschen hinter der Technologie, die auf nicht ganz legale Art und Weise in die Welt gesetzt worden ist.

In Soulmates kommen die Teilnehmer aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus, Rednecks und ultrareligiöse Christen in der Peripherie Amerikas verlieben sich. Alle Serien haben dabei eines gemein: Sie erzählen von der zerstörerischen Kraft des ultimativen Liebesbefunds.

Ehen und glückliche Beziehungen gehen nach dem Test kaputt, Scheidungsraten schießen in die Höhe, weil Menschen ihre Seelenverwandten kennenlernen.

In "Soulmates" geht es zu wie einer merkwürdigen Sekte: Szene mit Charlie Heaton als Kurt (Mitte).

(Foto: Jorge Alvarino/AMC)

Interessant ist dabei, welche konservative Idee den Serien zugrunde liegt: Gematcht, verlobt, verheiratet ist das Gebot. Polygamie, offene Beziehungen, Beziehungspausen, all das gehört der Vergangenheit an, die Ehe erlebt ein modernes Revival. So entsteht ein Liebesdeterminismus, der in gewisser Weise auch mit der Frage der Willensfreiheit in der digitalen Moderne spielt: Wie kann ich noch frei entscheiden, wenn meine Entscheidung zu lieben von einer Maschine für mich ausgerechnet wird? Und ist es dann noch möglich, einen anderen Menschen zu lieben?

Während in The One jene, die ihr Match gefunden haben, in ein absolutes Liebesglück verfallen, geht Soulmates einen Schritt weiter. Ähnlich wie in der Technik-Fabel Black Mirror spielt die Serie unterschiedliche Szenarien dessen durch, was passiert, wenn der oder die Seelenverwandte gestorben, verrückt oder narzisstisch ist. Eine Gemeinschaft, die einer merkwürdigen Sekte ähnelt, verführte Menschen mit verstorbenen Soulmates dazu, sich umzubringen und reißt so Vermögen an sich.

Die Technologie selber wird in beiden Serien nicht hinterfragt, sie ist einfach da, fehlerfrei und unbezwingbar. Es herrscht das Bild einer technologisierten Welt, die sich moralischen und sozialen Fragen komplett entzieht. Die Technologie ist die Antwort auf eines der existenziellsten, menschlichen Bedürfnisse - geliebt zu werden. Der Kapitalismus allein macht nicht glücklich, nur mit der Liebe kann man glücklich werden, so die Annahme. " Du verdienst es, geliebt zu werden", wird in Soulmates mantraartig wiederholt. , Der Satz, den Rebecca Webb vor ihrem Publikum spricht, als sie das Geheimnis hinter ihrem Gentest offenbart, unterscheidet sich davon in einer kleinen, aber beachtlichen Nuance. Sie sagt: "Wir verdienen Märchen"

© SZ/cag/tyc
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