bedeckt München 11°

Streaming:Mit überhöhter Geschwindigkeit

Was wäre jetzt am besten zu tun? Viel Zeit bleibt den Protagonisten der Netflix-Serie "Another Life" nicht, wenn sie Handlungsspielraum brauchen.

(Foto: James Dittiger)

Die Science-Fiction-Serie "Another Life" rast von Ereignis zu Ereignis, schnell, aber brav nach Schema F.

Von Carolin Werthmann

Eigentlich wollte Harper Glass gerade ein Video für ihre 250 Millionen Follower in den sozialen Netzwerken aufzeichnen. Doch Außerirdische vermurksen ihr die Show. Vor den Panoramafenstern ihrer Drehlocation, eines Luxushauses, taucht am Himmel ein sich windendes Flugobjekt auf. Das, was wie eine Doppelhelix aussieht, schwebt über Manhattan hinweg und landet auf einer Parkfläche, wo es sich zu einer meterhohen kristallenen Wand auftürmt. Harper Glass und die Welt sind schockiert. Eine Alien-Invasion!

Nur zwei Minuten lässt sich Netflix' Science-Fiction-Serie Another Life Zeit, um in der ersten Folge zu erzählen, wie Aliens mit jenem kryptischen Gebilde die Erde okkupieren. Genauso hektisch bricht daraufhin Astronautin Niko Breckinridge für eine Mission ins All auf, um gemeinsam mit ihrer Crew nach den Ursprüngen dieser Begebenheit zu suchen. Sie verlässt Mann und Tochter und wird Captain des Raumschiffs Salvare. Die Serie hat kaum begonnen, da schweben also bereits ein Dutzend junger Raumfahrtingenieure im schwarzen Nichts des Universums. Unbefriedigend ist diese Eile. Noch unbefriedigender, weil die Eile sich fortsetzt. Dabei liegt doch gerade in der Zeit das Potenzial einer Serie.

Ein Ereignis folgt stupide dem nächsten, brav nach Schema F

Bei Another Life entwickeln sich die Figuren nicht, sie sind bereits entwickelt. Konflikte gehen nicht aus den Handlungen hervor, sie sind schon da. Ein Ereignis folgt stupide dem nächsten, brav nach Schema F, sodass gleich in der ersten Folge all die Dinge geschehen, die in den meisten Fällen interstellarer Missionen eben geschehen, wenn man an Genregeschwister wie Lost in Space oder Battlestar Galactica denkt. Die Salvare kommt von ihrem Kurs ab und muss einen Umweg durch schwarze Materie wagen, nicht ohne einen Abstecher auf einen anderen Planeten gemacht zu haben. Natürlich verliert sie dabei den Kontakt zur Erde. Niko kämpft gegen den Argwohn ihrer Besatzung, denn die meisten davon trauen ihr die Führungsposition nicht zu. Es herrscht der Disput auf der Salvare, und man glaubt zu verstehen, dass es die Dynamik der Crewmitglieder ist, die Frage, was passiert, wenn Menschen auf engstem Raum in einer Ausnahmesituation gefangen sind, die Aaron Martin, Macher der Serie, interessierte. Doch dass die Ereignisse in Lichtgeschwindigkeit vorbeirauschen, frustriert. Es hat den Anschein, als habe man sich im Writers' Room stets für das Naheliegende entschieden.

Den Eindruck kann auch Katee Sackhoff nicht retten. Sackhoff spielt Niko als toughe Badass-Braut, ihr Körper ist sehnig, ihr Gesicht markant, und sie ist die Einzige, die zumindest einen kleinen Funken emotionaler Verbundenheit auf die Zuschauer überträgt, dann nämlich, wenn Niko selbst an ihren Führungsfähigkeiten zu zweifeln beginnt, wenn der Erfolg der Mission genau wie ihre Familie auf der Erde immer weiter in die Ferne rückt.

Neben Sackhoff schrumpft der Cast zu einer Horde Marionetten. Sie erfüllen eine Funktion, doch füllen sie diese nicht mit Leben. Nach der kruden Exposition ist die aalglatte Harper Glass für lange Zeit von der Bildschirmfläche verschwunden, nach ein, zwei Folgen ploppt die Frage im Kopf auf, was denn nun eigentlich aus dieser komischen Influencerin geworden ist. Irgendwann ist sie dann da, ohne dass sich ihre Daseinsberechtigung erschließt. Sie dient nur als Scharnier in einer Serie, die möglichst rasant, möglichst effektreich unterhalten will - und dabei vergisst, eine Serie zu sein, deren Stärke die Langsamkeit sein könnte.

Another Life, auf Netflix, ab 25. Juli.

© SZ vom 24.07.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema