bedeckt München 14°

Streaming:Ausgebrochen

Hinter Gittern eine ganze Welt: Nach sechs Jahren und sieben Staffeln endet "Orange is the New Black". Und damit eine Serienrevolution, die das Publikum aus alten Sehgewohnheiten gelockt hat.

Von Nadja Schlüter

Beamte der US-Einwanderungsbehörde stürmen einen Club. Sie schreien "Ausweiskontrolle" und "Hände an die Wand", ringen einen Mann zu Boden, drängen eine Frau gegen die Theke. Diese Szene aus der finalen Staffel von Orange is the New Black, die seit Freitag verfügbar ist, wirkt erschreckend aktuell: Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass US-Präsident Donald Trump Razzien gegen Migranten angekündigt hat.

Seit dem Start im Jahr 2013 hat OITNB, wie Fans die Serie liebevoll nennen, immer wieder aktuelle Debatten aufgegriffen und damit Kritiker und Zuschauer begeistert. Die Serie rund um die Insassinnen des fiktiven Frauengefängnisses Litchfield in Upstate New York balancierte als "Dramedy" immer zwischen Lachern und Tragik, sie kritisierte Rassismus, Sexismus und das US-Rechtssystem und trug mit dem bemerkenswerten Ensemble ganz deutlich zur Diversifizierung der Medienlandschaft bei.

Netflix gab kürzlich an, 105 Millionen Nutzer hätten mindestens eine Episode gesehen, was sie zur beliebtesten Serie des Streaming-Anbieters machen würde, der im Bekanntgeben von Zahlen allerdings sehr sparsam ist. Ohne Zweifel ist OITNB ein Meilenstein in der noch jungen Geschichte der Streamingunterhaltung. Nach sechs Jahren und mit der siebten Staffel endet die Serienrevolution nun. Zeit für einen Rückblick auf das, was OITNB so außergewöhnlich gemacht hat - und für einen letzten Ausblick.

7; OITNB

Vielfalt in Orange: Die Serie zeigt seit 2013 Schauspieler, die von Normen und Sehgewohnheiten abweichen.

(Foto: JoJo Whilden; Netflix)

Sommer 2013, Breaking Bad und Mad Men laufen, die erste Staffel House of Cards ist gerade erschienen, Homeland geht in die dritte. Gute, erfolgreiche Serien, die eines gemeinsam hatten: Im Mittelpunkt stehen meist privilegierte weiße Männer. Und dann kam OITNB. Schon im Trailer waren fast nur Frauen zu sehen. In der ersten Staffel traten dann weiße und schwarze, alte und junge, dicke und dünne, psychisch kranke, homo-, bi- und transsexuelle Frauen auf, die gemeinsam ihre Haftstrafen verbüßten. So schaffte OITNB nichts Geringeres als: veränderte Sehgewohnheiten.

In den neuen Folgen findet die Geschichte noch mal zu ihrer Bestform zurück

Um damit niemanden zu überrumpeln, bediente sich Produzentin Jenji Kohan eines Tricks: Basierend auf einer wahren Geschichte machte sie Piper Chapman zu ihrer Protagonistin, eine Weiße aus der oberen Mittelschicht, die für den Transport von Drogengeld zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Sie ist das Trojanische Pferd, mit dem die Zuschauer in der ersten Staffel im Minimum-Sicherheitstrakt des Knasts eingeschleust werden.

Anfangs ist Piper dort einsam, verängstigt, überfordert. Doch je besser sie sich einfindet, desto öfter wendet sich der Fokus der Serie von ihr ab und anderen Insassinnen zu.

Die Schicksale der Frauen werden in Rückblenden erzählt. Es sind Geschichten, die eine tiefe Empathie für die Gefangenen erzeugen und zugleich deutlich Kritik üben. Etwa an der US-Justiz und den chronisch überfüllten Gefängnissen. Da gibt es Gloria, die illegal mit Essensmarken handelt, um einer gewalttätigen Ehe zu entkommen. Sophia, die per Kreditkartenbetrug versucht, ihre Geschlechtsangleichung zu bezahlen. Oder Lolly, psychisch krank und obdachlos, die während eines Paranoia-Anfalls festgenommen wird.

Sie alle begehen aus Not eine Straftat oder werden vom unzureichenden Gesundheitssystems der USA nicht aufgefangen. Sie alle sind keine Schwerverbrecherinnen. Wegsperren ist keine Lösung. Und doch landen sie im Gefängnis, weil es offenbar keinen anderen Platz für sie gibt.

Vor allem Rassismus spielte in OITNB immer wieder eine Rolle. So nahm die vierte Staffel, 2016 erschienen und in den Hochzeiten der "Black Lives Matter"-Bewegung produziert, Bezug auf Polizeigewalt gegen Schwarze. In der vorletzten Episode erstickt eine Insassin, als einer der Wärter sie auf dem Boden fixiert. Ihre letzten Worte - "Ich kriege keine Luft" - sind die gleichen wie die des Afroamerikaners Eric Garner, der im Juli 2014 bei einer Festnahme auf Long Island erstickte.

Staffel vier kassierte dann jedoch auch Kritik aus der afroamerikanischen Community, weil die rassistischen Beleidigungen, die eine Gruppe weißer Insassinnen äußert, als traumatisch und unangemessen empfunden wurden. Als dann online noch ein Foto auftauchte, das die allesamt weißen Autorinnen der Serie zeigte, wurde diskutiert, ob diese Macherinnen die Erfahrungen nicht-weißer Frauen überhaupt angemessen darstellen können.

Nach dieser vierten Staffel, so die Meinung vieler Fans und Kritiker, habe OITNB nachgelassen, sei weniger relevant und originell geworden. Das Vermächtnis der Gefängnis-Dramedy war da bereits gefestigt: Die Serienlandschaft ist seit dem Erfolg von OITNB vielfältiger geworden: Atlanta, Transparent, Blackish, Pose oder Shrill sind nur einige Beispiele für Serien, die seitdem erschienen sind und deren Figuren von körperlichen, sexuellen oder optischen Normen abweichen.

In der finalen Staffel findet OITNB dann noch einmal zur alten Form zurück. Einige Hauptcharaktere bekommen darin die Härte und Willkür des Einwanderungssystems zu spüren. Es sind Szenen, die nicht nur, aber auch wegen ihrer Aktualität berühren. Ohne, dass der Name Trumps genannt wird. Es sind diese klugen Kommentare auf die amerikanische Gegenwart, wegen der OITNB fehlen wird.

Orange is the New Black, auf Netflix.

© SZ vom 01.08.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema