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Serie "Stichtag":Hauptsache, cool sein

Die Kids aus der Hochhaussiedlung: Alina, Samira, Emi und Laura (von links nach rechts) haben ein klares Ziel für das Ende der Ferien.

(Foto: Ramin Morady/Joyn/smac media)

"Stichtag" auf Joyn ist eine gelungene Coming-of-Age-Serie mit echten Münchner Jugendlichen.

Von Aurelie von Blazekovic

Schauspieler, die Jugendliche darstellen, sind für gewöhnlich eines: etwa zehn Jahre älter als ihre Rollen. Olivia Newton-John war bei der Premiere des Musical-Films Grease, in dem sie das zunehmend rock'n'rolliger werdende Highschool-Girl Sandy spielt, fast 30. Andrew Garfield war 31, als The Amazing Spiderman 2 mit ihm als 18-jährigem Peter Parker erschien. Und die schottische Schauspielerin Shirley Henderson näherte sich schon der 40, als sie in der, zugegeben, Nebenrolle der Maulenden Myrte in Harry Potter zuletzt als geisterhafte Hogwarts-Schülerin auftrat.

Immer erfrischend also, wenn die Jugendlichen in Film- und Fernsehproduktionen tatsächlich Jugendliche sind. In dieser Hinsicht überzeugt die Joyn-Serie Stichtag vollkommen. Das Ensemble der Jugendclique aus einer Münchner Wohnsiedlung wurde für die Authentizität "in einem aufwendigen Streetcasting" zusammengestellt, so die Macher. In der Serie streift eine Jungs- und Mädchengang durchs Viertel und macht authentische Jugendlichendinge. Masturbieren, blöde Sprüche, im Supermarkt klauen, sich andauernd verlieben, sich tanzend für Tiktok aufnehmen. Grobe Prämisse: Am Ende der Ferien, das machen sie eines Nachmittags aus, ist Stichtag. Bis dann müssen alle ihre Jungfräulichkeit verloren haben. Oder wie Yannick (Ben Felipe) es erklärt: "Wer bis zum Ende der Ferien keine gefickt hat, der hat verloren."

Jugendslang kann ja schnell peinlich werden, wenn man merkt, dass er von Erwachsenen erdacht wurde. In Stichtag wirkt das überhaupt nicht so. Wenn Laura (Vaso Fotoglidis) sich beschwert, dass Emi immer einen auf "geheimnisvolle Bitch" macht, kauft man der Schauspielerin völlig ab, dass sie das selbst so sagen würde. Und auch, dass die echte Emi (Elena Huber) darauf ein abwiegelndes "Halt's Maul" erwidern würde. Teil des Ensembles ist auch die 18-jährige Influencerin Melina Celine (2,3 Millionen Follower auf Tiktok, 847 Tausend auf Instagram), die in der Serie die divenhafte Samira spielt. Es sind toughe, aber liebenswürdige Kids, die sich in Stichtag mit den großen Themen ihres Alters herumschlagen. Liebe, Sex und Freundschaft also, und das Allerwichtigste dabei: cool sein.

Das hormongesteuerte Gefühl aus "American Pie" und "Crazy" wird ergänzt um die Mädchenperspektive

Ein bisschen erinnert das in den ersten Folgen an die derben Jugendkomödien Anfang der Nullerjahre, American Pie (1999), oder den deutschen Film Crazy (2000). Die Serie holt das hormongesteuerte Sturm-und-Drang-Gefühl dieser Klassiker in die Gegenwart und ergänzt es durch die Perspektive der Mädchen, die in den damaligen Geschichten doch eher abwechselnd angebetete oder nervige Nebenfiguren blieben. Und das ohne allzu pädagogisch den gelegentlichen Blödsinn zu tilgen, der aus den Mündern von 16-Jährigen halt damals wie heute auch manchmal kommt.

Mit Problemen und Abenteuern gegenwärtiger Jugendlicher beschäftigt sich auch die Webserie Druck, die auf dem Welterfolg der norwegischen Serie Skam (2015-2017) basiert. Die Jugendlichen in Druck, natürlich leben sie in Berlin, müssen aber viel deutlicher stets alle aktuellen gesellschaftlichen Konflikte abklappern. Dass die Macher von Stichtag ihr ziemlich universelles Teenagerdrama in einer Hochhaussiedlung ausgerechnet in der Wohlstands- und Wohlfühlstadt München ansiedeln, ist angenehm überraschend. Aber vor allem macht es Spaß, den Jugendlichen, diesen geheimnisvollen Bitches (und Bros), zuzusehen und zuzuhören.

Stichtag. Joyn, zehn Folgen, neue Doppelfolgen jeden Donnerstag.

© SZ/hy

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