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Streit beim "Stern":Und jetzt vertragt euch

"Wir können nicht einfach nichts tun": Die "Stern"-Chefs Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless.

(Foto: Carolin Windel/Gruner und Jahr)

Der "Stern" ohne Politikressort? Das Berliner Büro der Zeitschrift wird in die des Wirtschaftsmagazins "Capital" eingemeindet. Die Turbulenzen sind heftig.

Von Peter Fahrenholz

Müsste man die Lage der Printmedien auf einen Nenner bringen, sähe der so aus: Im traditionellen Geschäft sinken die Auflagen, die Anzeigenerlöse brechen ein, im digitalen, also für die Leserinnen und Leser zahlungspflichtigen Neugeschäft gibt es teils sehr kräftige Zuwächse, aber die gleichen die Verluste nicht aus. Also gibt es überall ein ähnliches Bild: Einsparungen, Outsourcing einzelner Einheiten bis hin zu Stellenabbau. Auch die Süddeutsche Zeitung hat gerade erst im Rahmen eines solchen Programms eine Reihe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verloren, was Spuren in der Redaktion hinterlassen wird.

Meist dringen Geschäftsführer auf Sparmaßnahmen. Beim Stern hat jetzt die Chefredaktion die Initiative ergriffen. "Wir können nicht einfach nichts tun. Es ist wirklich ernst", sagt Stern-Chefredakteur Florian Gless. Also haben Gless und seine Co-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier etwas getan. Seither herrscht Aufruhr in der Redaktion. Denn das, was die Stern-Chefs vorhaben, geht weit über einen bloßen Abbau von Stellen hinaus. Der Plan sieht vor, das gesamte Ressort "Politik und Wirtschaft" in Hamburg abzuschaffen und das Hauptstadtbüro zu schließen. Insgesamt sollen davon 17 Leute betroffen sein. Acht von ihnen sollen sich auf neue Stellen in einem neuen Hauptstadtbüro bewerben können, das künftig gemeinsam mit dem Wirtschaftsmagazin Capital betrieben werden soll. Das Kommando soll Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar haben, der gleichzeitig zum stellvertretenden Stern-Chefredakteur berufen werden soll. Auch die Pressedatenbank mit zehn Mitarbeitern soll geschlossen werden. Soweit die reine Nachricht.

"Ein 'Stern' ohne Politik am Konferenztisch ist ein sterbender 'Stern'", sagt Hans-Ulrich Jörges

Was sie bedeutet, könnte das Hamburger Magazin tief greifend verändern. Das fängt schon damit an, dass in Buttlar künftig der Chef eines viel kleineren Wirtschaftsmagazins die politische Berichterstattung des Stern steuern soll. Die Meldung, Stern und Capital würden ein gemeinsames Büro bilden, erweckt den Eindruck, hier würden zwei Redaktionen jeweils eine gleich große Abordnung schicken. In Wirklichkeit sollen acht Stern-Leute mit der gesamten Capital-Redaktion zusammenziehen, die aus knapp 30 Leuten besteht. Sie wären also dort der deutlich kleinere Teil.

´Capital"-Chefredakteur Horst von Buttlar

"Konservativ-liberal": So stellte sich "Capital"-Chefredakteur Horst von Buttlar kürzlich beim "Stern" vor.

(Foto: Maximilian Virgili/dpa)

Noch gravierender dürften die Auswirkungen in Hamburg sein. Denn wenn es dort kein Ressort für Politik und Wirtschaft mehr geben sollte, wer soll dann in den Konferenzen des Blattes die entsprechenden Themen vertreten? "Ein Stern ohne Politik am Konferenztisch ist ein sterbender Stern", sagt der langjährige Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, der viele Jahre Mitglied der Stern-Chefredaktion war. Stern-Chefredakteur Gless widerspricht dieser Befürchtung vehement. "Es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass der Stern nicht mehr politisch ist", sagt Gless in einem Gespräch mit der SZ und fügt hinzu: "Es macht Sinn, die Politik in Berlin anzusiedeln." Auch dass der Capital-Chef von Buttlar, der sich der Stern-Redaktion vor ein paar Tagen in einer Redaktionsversammlung als "konservativ-liberal" vorgestellt hat, künftig die politischen Inhalte bestimmt, weist Gless zurück. "Über das, was im Stern berichtet wird, entscheiden einzig und allein Anna-Beeke Gretemeier und ich."

Weil es nur acht Plätze für 17 Leute gibt und ein Platz bereits für den Stern-Reporter Jan Rosenkranz reserviert ist, der wohl Stellvertreter Buttlars werden soll, ist die Frage: Wer bekommt diese Stellen, über deren Besetzung Buttlar allein entscheiden soll, und was wird aus den Übrigen? Einige sollen, so heißt es, andere Aufgaben beim Stern übernehmen. Für den Rest gibt es zwei Möglichkeiten: ein Altersteilzeitmodell zu akzeptieren oder über eine Abfindung zu verhandeln. Ein generelles Abfindungsangebot des Verlags mit transparenten Zahlen gibt es nicht, jeder muss individuell versuchen, das Beste herauszuschlagen.

"Der Kern des 'Stern'-Journalismus lässt sich nicht outsourcen", schreibt der Beirat

In einer der Redaktionsversammlungen habe sich, so schildern es Teilnehmer, der Reporter Hans-Martin Tillack zu Wort gemeldet. Tillack ist einer der bekanntesten Investigativjournalisten des Landes. Man habe ihm Altersteilzeit angeboten, so habe er es geschildert, aber unter der Bedingung, dass er nicht mehr über Politik und Wirtschaft schreibe. Einen Investigativ-Spezialisten dieses Kalibers von Politik- und Wirtschaftsthemen abziehen zu wollen, wäre ungefähr so, als würde der FC Bayern seinen Torjäger Robert Lewandowski zum Platzwart degradieren. Gless möchte sich zu solchen Einzelfällen nicht äußern und verweist auf die anstehenden Gespräche mit den Betroffenen.

Der Stern-Beirat hat in einer Resolution im Namen der Redaktion die Rücknahme der Maßnahmen verlangt und die Berufung Buttlars abgelehnt. Noch deutlicher wird er in einer Stellungnahme an die Chefredaktion, die der SZ vorliegt. Die Redaktion sei von den Plänen überfallen worden, "der Schock ist gewaltig". Das Berichten über Politik und Wirtschaft sei "ein Herzstück des Stern", auf ein reines Stern-Politik-Ressort zu verzichten, sei "absurd". Die Marke Stern würde damit "massiv geschwächt". "Der Kern des Stern-Journalismus lässt sich nicht outsourcen." Capital und Stern hätten einen unterschiedlichen Blick auf Politik und Wirtschaft, sie bräuchten deshalb in ihren Kernthemen einen "unverwechselbaren Zugang".

Die Turbulenzen treffen das Magazin in einer Phase der redaktionellen Neuausrichtung. Sie begann mit einem monothematischen Heft zum Klimawandel im September, das die Redaktion zusammen mit Aktivisten von "Fridays for Future" machte. In der Redaktion war das Projekt umstritten, in einem Artikel wurde dargelegt, warum ein Teil der Redaktion darin einen Tabubruch sah. "Der Stern sollte mit überhaupt keiner Aktivistengruppe zusammenarbeiten, grundsätzlich nicht", erklärte der Wirtschaftsreporter Johannes Röhrig darin.

Wahrscheinlich hat diese Offenheit geholfen, dass der Presserat Beschwerden gegen das Heft zurückgewiesen hat. Es gebe keine Zweifel an der journalistischen Unabhängigkeit, hieß es in der Begründung. Trotzdem kündigten empörte Leser ihre Abos. Einer von ihnen war Jürgen Merschmeier, der ehemalige Sprecher von Heiner Geißler in dessen Zeit als CDU-Generalsekretär. Er sehe den Stern "nicht mehr als journalistisches Produkt, sondern als Publikation einer Aktivistengruppe", schrieb er in seiner Kündigung.

Bei der harten Auflage fällt der "Stern" hinter die "Bunte" zurück

Wo die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus liegt, wird derzeit in vielen Redaktionen diskutiert, und es offenbart sich dabei auch immer wieder ein Generationenkonflikt zwischen den Älteren und den Jüngeren. Beim Stern sind es die Chefredakteure selbst, Jahrgang 1968 und 1986, die die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus neu ausloten möchten.

"Der Stern will wieder was", sagt Chefredakteur Gless, es gebe "Themen, wo wir sagen, da muss jetzt mehr passieren". Es solle deshalb, so Gless, künftig "weitere Projekte" geben, wobei die Hereinnahme von Leuten von außen eine "absolute Ausnahme" bleiben solle. Jüngstes Beispiel ist das Heft von Mitte Januar zum Thema Pflege. Der Stern hat damit eine eigene Bundestagspetition angestoßen. Nicht ohne Stolz erzählt Gless, dass man schon 160 000 Unterschriften zusammenhabe und bis zum Ende der Frist am 11. Februar die Marke von 400 000 anpeile und dann damit in den Petitionsausschuss gehen wolle. Gless wähnt für die neue Strategie die Redaktion hinter sich, sie sei dort "begeistert aufgenommen" worden.

Ob der neue Kurs den Auflagenschwund stoppt? Über das Thema redet Gless nicht gern, er hält das Herumreiten darauf für alte Kamellen. Doch die Zahlen sind ernüchternd. Der Stern, der in seinen besten Zeiten in die Nähe der Zwei-Millionen-Marke kam und eine Anzeigenplantage war, die den Verlag Gruner + Jahr reich gemacht hat, ist jetzt bei der sogenannten harten Auflage, also den Abos und den Einzelverkäufen zum vollen Preis, auf 245 000 Exemplare gefallen. Das ist weniger als die Bunte. Und die Auflage war für Stern-Chefredakteure stets die einzige Messlatte, die wirklich gezählt hat. Ging es abwärts, drohte die Entlassung.

Zunächst aber müssen Gless und Gretemeier die aktuellen Verwerfungen überstehen. Dass sie einknicken, ist im Moment nicht zu erwarten. "Für uns ist das nicht leicht", sagt Gless, "aber wir stehen zu dieser Entscheidung." Da wachse etwas Neues, "das wird ein Team." Viele Stern-Redakteure wollen das verhindern. Das letzte Mal, dass sie die Berufung eines Chefredakteurs abgelehnt haben, war 1983, nach dem Chaos um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Damals wurde - eine besondere Pointe - nach tagelangem Kampf der Capital-Herausgeber Johannes Gross als neuer Stern-Chef verhindert.

© SZ/dbs/ebri
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