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Steinbrück bei RTL:Wenn Bürgernähe wehtut

'Meine Wahl - an einem Tisch mit Peer Steinbrück'

Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD) diskutiert mit Altenpflegerin Henrike Köber, Unternehmer Corny Littmann und Moderator Peter Kloeppel.

(Foto: dpa)

Ein Kanzlerkandidat trifft auf echte Bürger: "Meine Wahl - an einem Tisch mit Peer Steinbrück" hätte spannend werden können. Stattdessen war die Sendung ziellos, inhaltsleer und bediente abgeschmackte Ressentiments gegen Politik. Und das lag nicht an Steinbrück.

Es gab diesen Moment in der Sendung "Meine Wahl - an einem Tisch mit Peer Steinbrück", als der Kanzlerkandidat der SPD von einem im rosa Hemd gewandeten Börsenmakler gefragt wurde, warum er das alles eigentlich mache, mit diesem Kanzlerzeug und nicht einfach die Merkel weiterwerkeln lasse.

In diesem Moment hätte jeder, der über einen Restfunken Empathie verfügt, verstanden, wenn Steinbrück das als Wohnzimmer dekorierte RTL-Studio einfach kommentarlos verlassen hätte.

Denn was der verantwortliche Sender RTL als interessante Wähler-Politiker-Begegnung angekündigt hatte, ging dermaßen grandios auf so vielen Ebenen schief, dass es schwerfällt zu entscheiden, was eigentlich genau das Schlimmste an "Meine Wahl" war.

Gestanzte, inhaltslose Formulierungen

Schlimm war zum Beispiel, dass das, was die gecasteten Wähler zu Steinbrück sagten, in etwa so authentisch klang wie die Gerichtssendungen, die sonst auf den Privaten laufen. Für gewöhnlich sind es ja genau die Bürger, die den Politikern vorwerfen, dass sie ihren Wählern immer nur gestanzte Formulierungen um die Ohren hauen, die eigentlich keinen Inhalt haben.

Aber bei "Meine Wahl" klangen die Sätze der "normalen" Menschen oft wie auswendig gelernt. Zum Beispiel: "Ist es nicht so, dass hier ein Personenwahlkampf geführt wird, den Sie vielleicht gar nicht wollen?"

Ein Satz übrigens, der schon auf eine zweite Schwäche des Formats hinweist: Denn neben Sachthemen befragten die gecasteten Bürger Steinbrück auch zu Wahlkampftaktik, seinen Fettnäpfchen, seinen Beliebtheitswerten und zu der Tatsache, dass Kanzlerin Merkel gerne mal Themen von ihm kapert. Wobei sich unweigerlich die Frage aufdrängt: Wozu soll ein Bürger-Politiker-Talk gut sein, wenn die Bürger dem Politiker doch nur dieselben abgeschmackten Fragen stellen, die er in gefühlt tausend anderen Talkrunden und Interviews ohnehin schon beantwortet hat?

Wie teuer ist eine Ganzkörperwäsche?

Aber gut, die Runde sprach durchaus auch über Themen, die Menschen bewegen: Mindestlohn, Pflege, Bildung, die Mobilisierung von jungen Wählern, Steuererhöhungen und soziale Gerechtigkeit. Hier hätten ganz normale Menschen also aus ihrem Leben erzählen können, hätten die Frage stellen können, wie die Politik der SPD Einfluss auf ihren Alltag, ihren Job, ihre Zukunft nimmt. Sie hätten von Steinbrück erfahren können, was er als Kanzler für jeden von ihnen verändern will.

Doch obwohl RTL die Gesprächspartner sorgfältig ausgewählt hat - Jungwähler mit Migrationshintergrund, Unternehmer, Schuldirektorin und Kulturmensch - kam auch hier nicht einmal ansatzweise ein interessantes Gespräch in Gang. Denn inhaltlich kratzten die Teilnehmer allenfalls an der Oberfläche, sprachen allgemeine Themen an, anstatt konkret zu werden.

Stattdessen setzte die Sendung auf ziellose Attacken und bediente so Ressentiments, wie sie abgegriffener nicht sein könnten. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: "Wann haben Sie sich das letzte Mal in ihrem Wahlkreis blicken lassen?", wird Steinbrück gefragt. Die 27-jährige Leiterin einer Pflegestation will von dem verdutzten Kanzlerkandidaten wissen, wie viel er dafür zahlen würde, wenn sie ihn einmal am ganzen Körper wäscht. Und eine Unternehmerin bescheidet pauschal, den Mindestlohn hätte man ja auch mal schon vor acht Jahren einführen können.

Sein Programm zu platzieren gelingt Steinbrück

Die Botschaft ist klar: Ihr Politiker seid doch ohnehin alle ignorante Trottel, die sich die Taschen vollstopfen und von den Nöten des Volkes nichts wissen wollen. Und übrigens: Wir glauben euch eh kein Wort.

Klar, das sollte provokant sein, irgendwie kritisch, irgendwie mutig. Aber es war doch eigentlich nur das allerälteste, allerlahmste Vorurteil, das es über Politik gibt. Und was soll ein Kanzlerkandidat darauf schon antworten? Außer wie Peer Steinbrück es getan hat: Dass er gerade vergangene Woche in seinem Wahlkreis war?

Das interessanteste an der Sendung war noch, Steinbrück dabei zu beobachten, wie er versuchte, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten und angesichts der seltsam ziellosen Fragen wenigstens an manchen Stellen Teile des SPD-Programms zu platzieren. Das gelang ihm erstaunlich gut. Der Mann, so viel lässt sich nach diesem besonderen Fernseherlebnis sagen, muss den relativ undankbaren Job, um den er sich mit derartigen Auftritten bewirbt, wirklich unbedingt haben wollen.

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