Medienkolumne "Abspann":Stehpinkler

Medienkolumne "Abspann": Bedientafel für eine Toilette im japanischen Tsuwano.

Bedientafel für eine Toilette im japanischen Tsuwano.

(Foto: imago stock&people)

Warum sich die japanische Presse dieser Tage besonders für den Toilettengang junger Männer interessiert.

Von Thomas Hahn

Wichtig oder nicht wichtig? Das ist jeden Tag die Frage für die Nachrichtenredaktionen dieser Welt. Die Antwort fällt je nach Kulturkreis anders aus. In Amerika sind Baseball-Nachrichten wichtiger als Fußball-Nachrichten. In Deutschland sind Fußball-Nachrichten an manchen Tagen wichtiger als alle anderen Nachrichten. Und in Japans Kollektivgesellschaft scheint es eine Vorliebe für harmlose Wahrheiten zu geben.

Klar, auch der Journalismus im Inselstaat packt schwierige Themen und Unglücke an. Aber auffällig ist schon, dass etwa über die Regierungspartei LDP viel berichtet wird, über die Opposition wenig. Und wenn die Medien sich doch mal mit Kontroversen befassen, geht es gerne um das ganz kleine Geschäft. Ein Beispiel?

Am Sonntag hat die Nachrichtenagentur Kyodo unter ihrer Rubrik "Feature" gemeldet: "Japanische Männer entscheiden sich zunehmend dafür, beim Urinieren auf der Toilette zu sitzen, anstatt zu stehen, weil sie beim Stehen weniger genau zielen oder durch ungewollte 'Spritzer' eine Sauerei verursachen." Aufhänger war die Umfrage eines Toilettenherstellers, nach der 60,9 Prozent der Befragten lieber im Sitzen als im Stehen wasserlassen. Der Kyodo-Bericht ist detailreich. Zu Wort kommt Tomoyuki Isowa, 53, ein zum Sitzpinkeln bekehrter Geschäftsinhaber aus Nagakute. "Ich habe auch auf meine Frau Rücksicht genommen, die immer sauber macht", sagt er. Der Marketing-Analyst Yohei Harada erklärt, warum das Sitzpinkeln auch unter Jüngeren verbreitet ist - dabei ist erstaunlicherweise der Medienkonsum ein Faktor: Es liege wohl daran, dass sie dabei ihr Handy besser benutzen können.

Milliarden Männer müssen auf den Toiletten dieser Welt jeden Tag entscheiden, ob sie sitzen oder stehen. Das Thema ist also groß - aber im Vergleich zu anderen Problemen ziemlich einfach zu lösen. Jedenfalls weiß die Kyodo-Kundschaft jetzt etwas, das sie so genau gar nicht wissen wollte.

© SZ/tyc
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