Statt Tatort Klösterchen

Das Erste zeigt momentan nur Tatort-Wiederholungen. Jetzt kann man endlich mal anderen Ermittlern zuschauen. Zum Beispiel Kommissarin Ellen Lucas - die an ein einäugig schlafendes Raubtier erinnert. Folge 4 der Sommerkolumne.

Von Bernd Graff

Der Tatort macht Sommerpause, das Erste zeigt nur Wiederholungen. Jetzt kann man endlich mal andere Krimis schauen. Denn: Auch andere Sendeplätze haben schöne Ermittler. Diese Woche: Kommissarin Ellen Lucas

Wenn man, nur so ein Gedanke, das Leben Angela Merkels verfilmen und dazu nicht die späte Marietta Slomka mit der Hauptrolle betrauen wollte, dann müsste man unbedingt bei Ulrike Kriener anfragen, ob sie das nicht machen könnte. Denn Krieners ganze Erscheinung atmet die hier benötigte Trägheit großer Erfahrung bei gleichzeitig elektrisierter Wachsamkeit. Ja, ihr ganzer Phänotyp wirkt wie imprägniert mit dieser Widersprüchlichkeit: dieser gelassenen, nur matt anmutenden Instinktsicherheit von Raubtieren, die einäugig zu schlafen vermögen. Bei Ulrike Kriener, die als Kommissarin Lucas seit 2003 immer genau in den deutschen Provinzen ermittelt, die das Schlimmste erst befürchten und dann umso wahrer werden lassen, wäre man bei einer heiklen Merkel-Mission, Slomka hin oder her, auf der sicheren Seite. Sie schafft das.

Auf dem "Kreuzweg" im Fernsehfilm aus dem Jahr 2016 in der Regie von Ralf Huettner, auf den Kommissarin Lucas geschickt wird, geraten Glaubenswelten ins Wanken, die eigentlich gefestigt werden wollen. Der Katholikentag in Regensburg steht an, Papst Franziskus liest seinen Schäfchen aber zuvor schon die Leviten. Eine altehrwürdige Bruderschaft, die ohnehin Schwierigkeiten hat, ihre Refektorienseligkeit mit dem iPhone-Zeitalter in gregorianisch klingende Harmonie zu bringen, ist ganz aus dem Klösterchen. Und, zack!, liegt zu Beginn schon ein Bruder tot und ziemlich erschlagen unter der Katholikentribüne auf dem Regensburger Marktplatz.

Es geht dann Schlag auf Schlag um alles: Um von der Kirche geduldete Abschiebungen von Flüchtlingen und den Protest dagegen, um riskante Spekulations-Geschäfte, die das Vermögen des Ordens mehren sollen, wozu die arg auf geheimbündlerisch getrimmte Bruderschaft ein eigenes Geldinstitut mit verflochtenen internationalen Kontakten betreibt. Es geht um religiösen Wahn, die magische Kraft von Symbolen (Kreuzweg!) und brutale Selbstkasteiung, um Sprengstoff-Mix im Eigenbau und Erpressung, dazu inbrünstige Rosenkranzkontemplation und Kirche von unten mit einem Hauch vom Namen der Rose und vom Da Vinci Code. Ein bisschen zu viel vom starken Tobak also. Anke Engelke spielt auch noch mit. Doch wie ein von diesem Unbill nur mäßig bewegter Fels in der Brandung steht Ellen Lucas ihre Kommissarin. Eine trotz aller Narben grundgelassene, lebenstüchtige, eben wache, eine smarte Frau. Zu smart eigentlich für diesen graubunt schrulligen Kuttenschabernack um sie herum.

Kommissarin Lucas - Kreuzweg, ZDF, Samstag, 20.15 Uhr, bis Oktober in der Mediathek.