Springer Wechselwirkung

Jan-Eric Peters zum Start der "Welt Kompakt" 2004: Nun verlässt er die "Blaue Gruppe".

(Foto: Peer Grimm/dpa)

Jan-Eric Peters gibt die Chefredaktion der "Welt" ab, um Chef eines neuen Digitalangebots bei Springer zu werden. Das zeigt, wie der Verlag seine eigenen Marken und deren Zukunft inzwischen einschätzt.

Von David Denk

Langeweile ist sicher nicht das Problem in Jan-Eric Peters' Berufsalltag. Schließlich leitet der Chefredakteur der Welt -Gruppe seit der Übernahme von N 24 vor zwei Jahren auch den Nachrichtensender, derzeit läuft die schrittweise Zusammenführung von Welt und N 24 unter dem Markendach "Welt". Trotzdem gibt Peters nun die Welt-Herrschaft auf. Wie die Axel Springer SE an diesem Donnerstag mitteilte - er selbst war nicht zu sprechen -, übernimmt der 50-Jährige, der 2001 ins Unternehmen kam, schon 2002 Chefredakteur von Welt und Berliner Morgenpost wurde und seine Machtposition beharrlich ausbaute, von Januar an eine neue Aufgabe: Peters wird Produktchef und stellvertretender CEO von Upday, einem neuen europäischen News-App-Joint-Venture von Springer und Samsung für deren Android-Smartphones.

Der Wechsel an der Welt-Spitze - mit Herausgeber Stefan Aust übernimmt kommissarisch ein Haudegen im Rentenalter - macht deutlich, dass das publizistische Gegengewicht zur Bild-Zeitung für Springer nicht mehr die Welt bedeutet; strategisch maßgeblich ist längst die digitale Weiterentwicklung des auf seine Fortschrittlichkeit so stolzen Konzerns. Als erstes im Rahmen einer strategischen Partnerschaft mit dem südkoreanischen Elektronikriesen und Handy-Weltmarktführer ausgetüfteltes Produkt ist Upday darin von zentraler Bedeutung, was sich nicht zuletzt an der Prominenz der Personalien ablesen lässt: Peters' Chef wird Peter Würtenberger, der 2012 mit Kai Diekmann auf Dienstreise im Silicon Valley war und erst seit kurzem Executive Vice President Corporate Development mit Sitz in New York ist.

"Wir haben ja praktisch alles auf den Kopf gestellt", findet er

Seit diesem Donnerstag ist die Beta-Version von Upday in Deutschland und Polen verfügbar, weitere Länder sollen mit dem vollständigen Launch im Frühjahr 2016 folgen. Samsung-Nutzer können hier auf eigene Upday-Inhalte zugreifen und auf die zahlreicher Online-Medien, etwa auch von sueddeutsche.de - unterteilt in die Kategorien "Need to Know" und "Want to Know". Eigene Redaktionsteams wählen die Muss-Nachrichten aus und bereiten sie, ergänzt um Links, auf; bei den durch einen Algorithmus individuell auf den Nutzer angepassten Kann-Nachrichten führen Anreißer gleich auf die externen Webseiten.

Mit Jan-Eric Peters überträgt Springer die inhaltliche Verantwortung bei Upday einem Journalisten, der in vielerlei Hinsicht das Gegenbild seines Nachfolgers Stefan Aust ist: kein Chefcharismatiker, keine Edelfeder, kein Alpha-Journalist, sondern - sowohl bei der Welt als auch in seiner Zeit als Leiter der Axel Springer Akademie - ein Wegbereiter des digitalen Wandels im Hause Springer mit Signalwirkung in die gesamte Medienbranche. Dafür hat er etwa die redaktionellen Abläufe dem Leserinteresse angepasst: von "Print Only" über "Online first" zur aktuellen "Online to Print"-Strategie aus dem neuen 1000 Quadratmeter großen Newsroom. Die Konzentration aufs Digitale bringt eine Marginalisierung der Welt als Zeitung mit sich, die taz nannte das Blatt 2012 "eher ein Abfallprodukt dessen, was für welt.de sowieso geschrieben wurde". Der Internetauftritt heißt inzwischen längst Die Welt, was die Aufwertung unterstreicht.

"Wir haben ja praktisch alles auf den Kopf gestellt", schrieb Jan-Eric Peters am Donnerstag in einer E-Mail an seine "liebe Redaktion" und erinnerte daran, wie man mit der multimedialen Redaktion zum "Vorbild für andere Medienhäuser" geworden sei. "Darauf können wir stolz sein." Doch der Zeitpunkt sei für ihn nun gut, etwas Neues zu wagen. "Publizistisch läuft es rund, wir stehen besser da als je zuvor."

Peters' Optimismus muss man nicht vollumfänglich teilen. Stefan Aust als Interims-Chef ist wohl eine Verlegenheitslösung, offenbar hält man seine Stellvertreter Ulf Poschardt und N 24-Mann Arne Teetz für ungeeignet. Wer die Herrschaft über die Welt übernimmt, ist völlig offen und hat anscheinend auch keine Priorität. Sonst hätte man doch gleich einen richtigen Nachfolger präsentiert.