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Verlagsübernahme:Das bedrohte Erbe des Axel Springer

Axel Springer und Friede Springer

Der Verleger Axel Cäsar Springer und Ehefrau Friede an seinem 70. Geburtstag im Jahr 1982.

(Foto: Werner Baum/dpa)
  • Der amerikanische Finanzinvestor KKR will den Axel-Springer-Verlag übernehmen.
  • Das Milliardengeschäft wäre eines der spektakulärsten in der deutschen Medienbranche.
  • Die Folgen des Geschäfts sind noch nicht abzusehen, manche befürchten aber sogar eine Zerschlagung des Konzerns.

Die Entscheidung fiel auf der griechischen Insel Patmos. Der damalige Chef der Deutschen Bank, Friedrich Wilhelm Christians, und der Journalist Ernst Cramer, ein Vertrauter des Verlegers, waren mit dem Hubschrauber aus Athen in die Ägäis gereist. Axel Cäsar Springer empfing seine Besucher auf der Terrasse seines Hauses. Es war der 17. Juni 1985. Springer, der wenige Monate später mit 73 Jahren sterben sollte, war bereits schwer krank und konnte die Verhandlungen nur noch im Liegen führen. Seine Frau Friede beschränkte sich aufs Zuhören. So beschreibt es der Historiker Hans-Peter Schwarz in seiner Springer-Biografie.

Als die Besucher wieder abreisten, war die Sache klar. Die Deutsche Bank sollte das Berliner Verlagshaus möglichst bald an die Börse bringen. 49 Prozent der Aktien wurden angeboten, zehn Prozent davon sollten an den Münchner Filmhändler Leo Kirch gehen, so die Vereinbarung. Der große Verleger hatte damit die Zukunft seines Unternehmens geregelt und war auch um eine halbe Milliarde D-Mark reicher. Seit 1985 ist die Axel Springer AG ohne Unterbrechung an der Börse notiert - als eines der ganz wenigen Medienunternehmen in Deutschland (Burda, Bertelsmann, Funke, Bauer sind alle in Privatbesitz). Doch das könnte jetzt bald ein Ende haben.

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Der amerikanische Finanzinvestor KKR will das Medienunternehmen, das unter anderem Welt und Bild verlegt, übernehmen und bietet den Aktionären 63 Euro je Aktie. Das Milliardengeschäft, das von der Verlagserbin Friede Springer, 76, und Vorstandschef Mathias Döpfner, 56, unterstützt wird, wäre eines der spektakulärsten in der deutschen Medienbranche. Ist es am Ende erfolgreich, soll Axel Springer nach dem Willen der neuen Eigentümer aus New York die Börse schnell verlassen. Die Firma soll dann profitabler und wertvoller werden - ohne den Druck der anderen Anteilseigner und ohne den kritischen Blick der Öffentlichkeit. Börsenfirmen sind gesetzlich verpflichtet, regelmäßig Berichte zu veröffentlichen, für private Unternehmen gelten deutlich weniger strenge Regelungen.

Erfahrungsgemäß tauschen viele Investoren, besonders die großen, erst in letzter Minute

Doch kommt es wirklich dazu? Es ist spannend. In der Nacht von diesem Freitag auf Samstag endet die Frist. Bis dahin können Springer-Aktionäre KKR ihre Anteile anbieten. Bis Mittwochabend haben das 15,45 Prozent getan. Die Offerte ist nur dann erfolgreich, wenn KKR mindestens 20 Prozent der Aktien erhält.

"Hier ist keiner nervös", heißt es bei Beteiligten: "Am Ende wird abgerechnet. Dann wissen wir, ob es reicht." Die Übernahme der Internetfirma Scout 24, die wie Springer auch im Geschäft mit digitalen Kleinanzeigen groß ist, durch Finanzinvestoren war im Mai gescheitert. Erfahrungsgemäß tauschen viele Investoren, besonders die großen, erst in letzter Minute. Unklar ist auch, wie sich die beiden Enkelkinder von Axel Cäsar Springer entscheiden, Ariane und Axel Sven haben insgesamt 9,8 Prozent. Ob das Angebot erfolgreich war, will KKR nach der genauen Auszählung Anfang kommender Woche mitteilen. Wird die Schwelle von 20 Prozent jedoch nicht erreicht, wäre das Geschäft geplatzt. Nicht nur Friede Springer und Mathias Döpfner wären dann blamiert.

Seit 2002 ist Döpfner Vorstandsvorsitzender, die Verlagserbin hatte ihm später auch Anteile an der Firma überlassen. Döpfner, der Musikwissenschaft studiert und als Journalist gearbeitet hat, hat das Unternehmen seitdem grundlegend umgebaut und konsequent auf digitale Geschäfte gesetzt. Heute gehören unter anderem das Online-Wirtschaftsportal Business Insider, die News-App Upday sowie Kleinanzeigenportale wie Immonet und Stepstone zum Unternehmen, aber auch Idealo oder Kaufda. Insbesondere das Online-Stellenportal Stepstone gerät derzeit unter Druck, weil Google in den Markt einsteigen will. Regionalzeitungen wie das Hamburger Abendblatt und Zeitschriften wie Hörzu verkaufte Döpfner und entfernte sich immer mehr vom klassischen Mediengeschäft. Das Unternehmen beschäftigt heute mehr als 16 300 Mitarbeiter weltweit und hatte 2018 den Umsatz um 4,1 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro gesteigert. Zusammen mit KKR sollen nun weitere Zukäufe getätigt werden. Springer wolle damit ein weltweit führender Anbieter von digitalem Journalismus und Rubrikenangeboten im Internet werden, kündigte Döpfner an.

Bei KKR läuft das Projekt unter dem Namen "Traviata" - ausgerechnet. Handelt doch die weltberühmte Oper von Giuseppe Verdi von Violetta, die am Ende in aller Dramatik von der Schwindsucht, später als Tuberkulose bekannt, dahingerafft wird. Eine große Geschichte mit einem schlechten Ende also - nicht alle bei Springer sind über den Namen glücklich. Viele sind zudem besorgt, wie es mit der Medienfirma weitergehen wird, wenn KKR durchregiert. Immerhin garantiert der Investor die redaktionelle Unabhängigkeit und den Unternehmenssitz in Berlin. Zudem soll der Vorstand im Amt bleiben. Die Betriebsräte stehen der Offerte "neutral" gegenüber und fordern eine konzernweite Regelung zur Beschäftigungssicherung

Mathias Döpfner

Seit 2002 ist Mathias Döpfner, Jahrgang 1963, Vorstandsvorsitzender des Verlages, Friede Springer hatte ihm später auch Anteile überlassen.

(Foto: Roland Schlager/dpa)

Viel Unruhe verursachte ein kleiner Absatz in den 221 Seiten langen Angebotsunterlagen. Unter Punkt 8.2.5 f steht dort zu lesen, man habe zwar vereinbart, "den Geschäftsbereich der Welt-Gruppe fortzuführen". Dies stehe allerdings "unter der Voraussetzung einer angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation". Hintergrund ist, dass die Welt - dazu gehören neben der Tageszeitung auch die Welt am Sonntag, die digitalen Angebote sowie ein Nachrichtensender - seit Langem Verluste macht. Verleger Axel Cäsar Springer hatte das Blatt 1952 übernommen.

Springer-Chef Döpfner gab vor drei Wochen eine ausdrückliche Bestandsgarantie: "Selbstverständlich bleibt die Welt - ebenso wie Bild - fester Bestandteil unserer Zukunftsstrategie", schrieb er den verunsicherten Mitarbeitern. Auch die gedruckte Ausgabe der Welt werde entgegen hartnäckigen Spekulationen weiter erscheinen. Döpfner fügte an: "Dafür stehen sowohl der gesamte Vorstand als auch Friede Springer ein." Man habe sich mit KKR auf "einen Ergebniskorridor" geeinigt. Wie der aussieht, ließ er offen. "Jedes Geschäft muss langfristig und unternehmerisch wirtschaften", ist dazu aus dem Umfeld von KKR zu hören. Die Welt müsste also Gewinn machen. Das ist aber schwierig, denn die Auflagenzahlen sind derzeit stark rückläufig. Die Welt verlor beim Abo und im Einzelverkauf nach IVW-Zahlen im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr 14 Prozent, Bild knapp zehn Prozent. Manche befürchten sogar eine Zerschlagung von Springer. Das schrumpfende Zeitungsgeschäft könnten von den wachsenden Internetaktivitäten getrennt werden. Rupert Murdoch hatte das vorgemacht: Der amerikanische Medienunternehmer teilte seinen Konzern - auf der einen Seite Zeitungen wie das Wall Street Journal, Times oder Sun und andere, auf der anderen die Film- und Fernsehaktivitäten, die nun teilweise weiterverkauft wurden.

Feststeht bislang, dass KKR später, nach etwa fünf bis sieben Jahren, mit einem ordentlichen Gewinn wieder aussteigen will. Deshalb befürchten manche, dass die Amerikaner Springer kaputtsparen könnten, damit die Zahlen wenigstens mittelfristig besser aussehen. Ähnlich ist KKR beim Münchner Fernsehsender Pro Sieben Sat 1 vorgegangen. Zusammen mit dem Finanzinvestor Permira hatte KKR Ende 2006 die Mehrheit übernommen und kräftig abgebaut. Unter anderem wurden Investitionen in das Programm stark zurückgefahren. Der Nachrichtensender N 24 wurde abgestoßen, weil er zu wenig Gewinn erwirtschaftete - heute ist dieser Teil der Welt-Gruppe. Pro Sieben Sat 1 leidet teilweise noch heute unter den Folgen des Umbaus. KKR baut derzeit in München auch eine Film- und Fernsehgruppe rund um das Unternehmen Tele München und unter Führung von Medienmanager Fred Kogel auf. Ob das in den Planungen eine Rolle spielen könnte, ist offen.

Immerhin: Friede Springer bleibt weiter dabei und wird über das Erbe ihres Mannes wachen.

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