Zeitungsverlage:Nach Gutsherrenart

Zeitungsverleger Ippen

Ruhig, zurückhaltend, Hobbys Lesen und Wandern: Der Zeitungsverleger Dirk Ippen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Dirk Ippen ist ein Verleger, dem es schon immer mehr um Geld als um Inhalte ging. Nun hat er eine Enthüllungsgeschichte über Springer verhindert. Der Schaden ist groß, nicht nur für ihn.

Von Caspar Busse

Vor vielen Jahren verriet Dirk Ippen einmal sein Geschäftsgeheimnis. "Lärm ist für den geschäftlichen Erfolg nicht gut", sagte er damals der SZ in einem seiner seltenen Interviews, und fügte an: "Es ist auch kein Fehler, wenn man unterschätzt wird." So hält es der inzwischen 81-jährige Zeitungsverleger, der in der Nähe von München wohnt, noch immer. In der Öffentlichkeit zeigt er sich selten, im Verborgenen hat er in den vergangenen Jahrzehnten eines der größten Medienunternehmen in Deutschland aufgebaut, dazu gehören unter anderem die Frankfurter Rundschau, der Münchner Merkur und die Münchner Boulevardzeitung tz, aber auch viele meist regionale Titel. Hinzu kommen mehr als 20 Anzeigenblattverlage mit knapp hundert Anzeigenzeitungen, die eine wöchentliche Auflage von mehr als fünf Millionen Exemplaren erreichen, sowie Radiostationen wie Radio Arabella und Charivari. Ippen ist also ein durchaus erfolgreicher, aber auch ein weitgehend unbekannter Verleger.

Jetzt aber steht der stille und immer so zurückhaltende Medienmann plötzlich im grellen Licht der Öffentlichkeit, was ihm sicher gar nicht recht sein dürfte. Im Skandal um den an diesem Montag abgelösten Bild-Chefredakteur Julian Reichelt spielt Ippen eine zentrale Rolle. Denn es war das Rechercheteam "Ippen Investigativ", das in den vergangenen Monaten viele exklusive Einzelheiten zur Causa Reichelt und zum angeblichen Machtmissbrauch im Medienkonzern Axel Springer zusammengetragen hatte. Doch Ippen selbst stoppte am vergangenen Sonntag die Veröffentlichung. Da gleichzeitig aber auch die New York Times berichtete, zog Springer-Chef Mathias Döpfner am Montagabend die Konsequenzen, Reichelt muss gehen.

Es hätte also durchaus ein echter Scoop werden können für die Ippen-Gruppe, veröffentlicht werden sollte die Geschichte in den verschiedenen Blättern der Gruppe. Dass der Verleger das rigoros stoppte, brachte ihm die herbe Kritik der eigenen Journalisten ein, die vier Kollegen von Ippen Investigativ zeigten sich "schockiert von dieser Entscheidung" und beschwerten sich mit einem Brief, der dann veröffentlicht wurde, bei Ippen und der Geschäftsleitung. Von einem "Eingriff nach Gutsherrenart" sprach auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV). "Verleger haben grundsätzlich die Finger von redaktionellen Entscheidungen zu lassen", so der DJV- Bundesvorsitzende Frank Überall. Entscheidend sei die innere Pressefreiheit der Redaktion.

Es sollte nicht der Eindruck entstehen, "wir wollten einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden", begründete schließlich Ippen die umstrittene Entscheidung. Immerhin stehe die Mediengruppe im direkten Wettbewerb mit Bild. Gemeint ist da offenbar unter anderem die Münchner Boulevardzeitung tz. Es sei keine leichte oder schnelle Entscheidung gewesen, sie sei nach intensiven Diskussionen gefallen. Und es habe keinerlei Einwirkung seitens des Hauses Springer in dieser Sache gegeben, "ganz und gar keine", betonte der Verleger.

Trotzdem hat Ippen mit seinem Veto erheblichen Schaden verursacht - für den Journalismus insgesamt, aber auch für seine Mediengruppe und für das Bestreben Ippens, journalistisches Profil aufzubauen. Das Rechercheteam Ippen Investigativ mit vier bekannten Journalisten firmierte ursprünglich unter dem Namen Buzzfeed Deutschland. Als die amerikanische Muttergesellschaft die Deutschland-Aktivitäten loswerden wollte, stieg im vergangenen Jahr Ippen ein. Die Einheit ist organisatorisch unabhängig und soll exklusive Inhalte für alle Plattformen liefern. Ippen Digital betreibt ein Redaktionsnetzwerk mit rund 80 Portalen in Deutschland und will sich, so der Plan, auch über exklusive Inhalte profilieren. Das Investigativ-Team mache "eine großartige Arbeit", teilte Ippen nun mit, die Arbeit solle fortgesetzt werden.

Manche bezeichneten ihn als "König der Käseblätter"

Die Zusammenarbeit zwischen Dirk Ippen und den Redaktionen war nie ganz reibungslos, hier der Jurist, der vor allem seine geschäftlichen Interessen im Blick hatte, dort die Redaktionen, die auf Unabhängigkeit pochen. Geboren wurde Ippen 1940 in Rüdersdorf bei Berlin, er wuchs unter anderem in Ostfriesland auf und machte dann in Essen Abitur. Eigentlich interessierte er sich für Geschichte, doch er studierte Jura und stieg nach dem Tod seines Vaters 1968 als Juniorpartner beim Westfälischen Anzeiger in Hamm ein. Sehr zielstrebig baute er dann eine Mediengruppe auf, dabei kaufte er stets sanierungsbedürftige Zeitungen. "Andere konnte ich nicht bezahlen", sagte Ippen einmal dazu.

1982 kam er von Hamm nach München und interessierte sich für den Münchner Merkur und die tz. Mit diesem Erwerb ging es los, weitere Zukäufe folgten. Manche bezeichneten Ippen später als "König der Käseblätter", weil es oft Lokal- und Provinzzeitungen waren, die er erwarb. Aber das kümmerte den Verleger nicht, er hatte immer vor allem den wirtschaftlichen Erfolg im Auge. In vielen Verbreitungsgebieten sind die Ippen-Titel gut am Markt positioniert, das erleichtert das Geschäft.

Ippen, der eine Kolumne unter dem Titel "Wie ich es sehe" schreibt, gibt sich immer bescheiden und höflich, als Hobbys gibt er schlicht Wandern und Lesen an. Doch nun gibt es viel Lärm um ihn. Der Spiegel hat am Montagabend Teile der zurückgehaltenen Recherche veröffentlicht.

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Bild - Julian Reichelt

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