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Sport im TV:Wer redet hier von Doping?

Der neue "Olympic Channel: Home of Team USA" klammert jegliche Kritik am IOC oder an den zweifelhaften Praktiken mancher Athleten und Funktionäre aus.

(Foto: David Goldman/AP)

Das IOC und der Sender NBC liefern den Zuschauern des US-Fernsehens jetzt jeden Tag olympische Träume. Von den dunklen Seiten des Sports ist hier nichts zu finden.

Es lohnt bei einem TV-Sender bisweilen, darauf zu achten, was es dort nicht zu sehen gibt. Beim amerikanischen Kabelkanal "Olympic Channel: Home of Team USA" etwa, der am Wochenende für 35 Millionen US-Haushalte freigeschaltet wurde, wird auf alles verzichtet, was den durchtrainierten Körpern von Profisportlern ihre heldenhafte Überhöhung nehmen könnte: Doping, Bestechung, Vergabe der Olympischen Spiele an autoritäre Staaten - und all die hässlichen Diskussionen darum.

"Wir greifen keine Debatten auf, sondern konzentrieren uns auf die Athleten und jene Sportarten, die ein bisschen Unterstützung brauchen", sagt NBC-Manager Jim Bell. Die Sendergruppe bezahlt dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) für die Übertragungsrechte der Olympischen Spiele von 2014 bis 2032 insgesamt knapp 12,2 Milliarden Dollar und betreibt gemeinsam mit dem IOC den neuen Kanal: "Diskussionen bringen häufig das Schlechteste im Menschen hervor, uns dagegen geht es um das Beste: um inspirierende Geschichten, die alle zwei Jahre für zwei Wochen die Leute zu begeistern scheinen."

Im Netz betreibt das IOC so einen Kanal schon länger

Vor einem Jahr schon hat das IOC einen 24-Stunden-Kanal für Internet, Tablet und Smartphones eingeführt, die Olympischen Spiele sollen bestenfalls auch jenseits der eigentlichen Wettkämpfe weitergehen, und schließlich beschweren sich zahlreiche Sportler sogenannter Randdisziplinen, dass sie nicht oft genug zu sehen seien. Es soll deshalb auch auf dem linearen TV-Sender eine Mischung aus Live-Sport und historischen Höhepunkten geben: am Montag etwa Bilder von den Weltmeisterschaften im Wasserball und Turmspringen, im August dann zum 25-jährigen Jubiläum an acht aufeinanderfolgenden Tagen zur besten Sendezeit die heroischen Leistungen der amerikanischen Basketballer bei Olympia 1992 in Barcelona.

Man verfüge, so Sendermanager Mark Parkman, über 45 000 Stunden Material, darunter Bewegtbilder von den Olympischen Spielen 1896. Die sollen nun verarbeitet werden: Der Produzent Frank Marshall etwa soll mehrere Dokumentarfilme erstellen, die es mit den bisweilen legendären Folgen der Serie 30 for 30 des Sportsenders ESPN aufnehmen sollen. Darin werden bedeutende Momente der Sportgeschichte aufgearbeitet und in einen gesellschaftlichen oder popkulturellen Kontext gesetzt, etwa wie O. J. Simpson wegen seiner Erfolge als Footballspieler hatte glauben dürfen, über dem Gesetz zu stehen.

Das ist eine ziemlich hohe Latte, zumal sie ja auf dem Olympiakanal keine Inhalte zeigen wollen, die zur Reflexion anregen könnten. Also lieber Bilder von Usain Bolt, wie er durchs Olympiastadion von Rio flitzt, und keine von den verrotteten Sportstätten ein halbes Jahr später. Oder eine Reihe von Filmen darüber, was Athleten vor der großen Karriere gemacht haben - und lieber keine Bilder davon, wie sie danach abgestürzt sind. Lieber eine inspirierende Geschichte über den Sprinter Carl Lewis - und kein Hinterfragen, ob der seine außerordentliche Schnelligkeit wirklich nur über fleißiges Training erreicht hat. Auf dem Digitalkanal läuft bereits die Serie Identify, in der gezeigt wird, wie der olympische Sport einigen Transgender-Athleten dabei geholfen hat, ihren Platz im Leben zu finden. Auch hier: weniger Gesellschaftskritik als vielmehr eine Huldigung der heilenden Kraft des Sports.

Wer die Zielgruppe dafür sein könnte, spielt beim IOC offenbar keine große Rolle, der Kanal wird nicht vom Quoten-Messdienst Nielsen erfasst. So kann man nicht nur die Herrschaft über die olympischen Bilder behalten, sondern auch die Deutungshoheit darüber, was ein erfolgreicher Sender ist.

© SZ vom 18.07.2017
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