Spionin im Fernsehfilm Wenn der letzte Schleier fällt

Die männermordende Mata Hari war Agentin für Deutsche und Franzosen. Natalia Wörner spielt sie mit minimaler Verruchtheit.

Von Willi Winkler

Viel zu selten wird bei Filmen die Ausstattung wahrgenommen, schon gar nicht so gelobt, wie sie es in Mata Hari verdient. In immer schöneren, immer dunkleren Kleidern rauscht Natalia Wörner in Europas Hotelhallen hinein, erfreut Freund und Feind mit dicken Mänteln und stilechten Pelzkrägen, und drüber breiten sich Hüte aus, wie man sie in Deutschland sonst schmerzlich entbehren muss, weil es doch kein Ascot gibt. Wenn Frau Wörner darunter nur still hielte, könnte ein mittelgroßer Storch sein Nest in dieser ausladenden Sachleistung bauen und sogar noch eine Gesellin zum Storchdichein laden.

Wie bescheiden hingegen die Mütze, die Nora Waldstätten trägt: militärisch streng, passend zu ihrer eng anliegenden, recht kleidsamen Uniform, die sie ausführlich als Eigenkreation beschreibt.

Mata Hari - Tanz mit dem Tod ist also ein Frauenfilm, denn neben Kleidern kommen auch Männer vor und der Krieg. Die Männer sitzen meist am Schreibtisch, ein Schnurrbart hilft beim Befehlen, und mit langen Blicken geben sie Szenen eine Bedeutung, die sie sonst nicht hätten. Die Geschichte hat sich so oder so ähnlich vor hundert Jahren zugetragen: Das holländische Hutmacherstöchterlein Margaretha Geertruida Zelle, zwischenzeitlich verehelichte McLeod und in den niederländischen Kolonien zur Mata Hari (javanisch angeblich für Sonnenauge) gereift, hat sich einen Ruf als raffiniertes Weibsstück ertanzt, den bauchigen Männern des Fin de Siècle ein bisschen den Kopf verdreht und von deren Geld nicht schlecht gelebt. Tout Paris lag ihr zu Füßen, weiß Natalia Wörner als Mata Hari zu erzählen (und der Hut wahrt die Contenance), in Berlin ruhte das Auge des Kronprinzen wohlgefällig auf ihrem Leib, wenn sie Schleier um Schleier abwarf und sich dazu fernöstlich wand, aber andere lernten das auch, der Preis fiel, die Männer zogen in den Krieg, schließlich muss sie beim Beilager mit einem Oberkellner vorliebnehmen. Aus Geldnot lässt sich Mata Hari nach Kriegsausbruch in Antwerpen deshalb vom deutschen Geheimdienst anwerben, später will sie auch für die Franzosen im Bett Nachrichten akquirieren.

Der Ruf Mata Haris als Agentin hat im Lauf eines Jahrhunderts doch etwas an Glitter verloren

Selbst wenn Asta Nielsen, Greta Garbo und, na ja, Sylvia Kristel die Tänzerin gespielt haben und schätzungsweise zweitausend Groschen- und Centimes-Romane über diese Kundschafterin zwischen den Fronten geschrieben wurden, gibt die Geschichte schon lange nichts mehr her. Das mag auch damit zu tun haben, dass Mata Haris Ruf als Spionin im Lauf eines Jahrhunderts doch etwas an Glitter verloren hat. So gewaltig waren die Geheimnisse nicht, die sie der jeweils anderen Seite zugetragen hat; sie wurde langsam alt und brauchte das Geld.

"Ich bin keine Bestie, wie die Franzosen sagen, nur eine Frau", sagt Mata Hari aus dem Off, während sie, diesmal ohne Hut, zur Hinrichtung geführt wird. Weil Krieg ist, werden die vorgeschriebenen großen Worte fällig. Natalia Wörner verkündet deshalb, dass im Krieg für die Wahrheit kein Platz sei, nur für den Tod. Zwischen Wahrheit und Tod ist jedoch noch genug Platz für eine starke Frau, sogar für zwei davon.

Nora Waldstätten spielt Elsbeth Schragmüller, die sich als "Fräulein Doktor" anreden lässt. Naiv vermutet die Tänzerin am Beginn ihrer Umschulung zur Agentin, dass es sich um den Titel einer Ärztin handele, aber nein, entgegnet das emanzipierte Fräulein, sie führe hier das Kommando. Es stimmt zwar nicht ganz, doch ist es schneidig feministisch gesprochen. Schragmüller gab es wirklich, eine promovierte Staatsrechtlerin, die es 1914 gut deutschnational in den Krieg und zur Feindaufklärung zog. Im Abspann wird ihr Schicksal als typisch weiblich beklagt, weil sie nach dem Krieg ihre wissenschaftliche Karriere nicht habe fortsetzen können. Dass ihr jüngerer Bruder Karriere bei der SA machte und es bis zum Polizeipräsidenten von Magdeburg brachte, hätte das stramme Bild womöglich etwas beeinträchtigt. Dafür wird ein bisschen gepilchert: Das Fräulein Doktor, das so abweisend wirkt, ist nämlich gar keine eiserne Jungfrau, sondern war mit einem echten Soldaten verlobt, der, seufz, ganz früh den Heldentod starb. Das Fräulein lebt also verbissen fürs Vaterland, findet die Mata Hari "schrecklich vulgär", hat aber nichts dagegen, wenn die Schleiertänzerin ihren "hübschen Hintern" lobt.

Dieser Frauenfilm ist der Produzentin Sandra Maischberger zu verdanken. Nachdem Helmut Schmidt, der langjährige Hauptdarsteller ihrer Talks und Filme, weggestorben ist, wurde es vielleicht doch Zeit für ein weiblicheres Thema. Muss deshalb die Schragmüller - wenn auch damenhaft auf Spitze - so gierig rauchen?

Die Wahrheit, wenn sich zwischen den Frauen noch Platz findet, ist bitter: Natalia Wörners dilettierende Spionin zeigt kaum etwas von der legendären Verruchtheit, es wird nicht so ganz klar, wovon ihr männermordender Reiz rühren soll. Frau Wörner ist als Mata Hari zu sehr die schwäbische Hausfrau, die donnerstags in Rottweil zur Bauchtanzgruppe geht; im Fernen Osten, in Sumatra und bei Shiva war die niemals, aber so geht Fernsehen.

Mata Hari - Tanz mit dem Tod. ARD, Sonntag, 22 Uhr.