Spielfilm:Plötzlich Tochter

Lesezeit: 2 min

Nimm du ihn

Dietrich (Simon Schwarz, l.) bekommt in Nimm du ihn von Vater Xaver (Branko Samarovski) gezeigt, wie man schießt.

(Foto: Marc Reimann/BR)

Auf der schwierigen Suche nach den verschwundenen Gefühlen: Das Erste erzählt mit dem TV-Film "Nimm du ihn" die unterhaltsame Geschichte von längst erwachsenen Geschwistern, deren Vater ihr Leben mit einem Mal gehörig umkrempelt.

Von Kathrin Müller-Lancé

"Also, ich spüre nichts. Spüren Sie was?", fragt Mareike ihren angeblichen Vater, der bei ihr im Cabrio sitzt, und präzisiert: "Gefühle, so Vater-Tochter-mäßig." Der Mann verneint. Alles andere wäre aber vermutlich auch unrealistisch - immerhin haben Axel und seine drei Kinder sich gerade erst kennengelernt. Nach etlichen Jahrzehnten in Argentinien ist er zum ersten Mal wieder in Deutschland, und zwar "völlig mittellos, keine Krankenversicherung, kein Rentenanspruch, gar nicht", wie die zuständige Mitarbeiterin den drei Kindern auf dem Sozialamt erklärt.

Nimm du ihn, ist konsequenterweise der Titel des Films, den das Erste am Mittwochabend zeigt. Um bloß keine Unruhe in ihre eigenen Leben zu bringen, versuchen die Geschwister, den Vater so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Oder mit anderen Worten, wie es Sohn Dietrich (Simon Schwarz) beim ersten Aufeinandertreffen formuliert: "Da lebt man sein Leben lang ohne Vater, und dann schieben sie so einen Greis rein, 14 Tage vor seinem Verfallsdatum. Das ist schlechtes Timing!"

So viel zur Ausgangslage dieser Fernsehkomödie, die trotz aller Gefälligkeit immer wieder wirklich Spaß macht. Das hat in großen Teilen mit dem Hauptdarsteller Branko Samarovski zu tun, der seit über 25 Jahren am renommierten Wiener-Burgtheater engagiert ist und der hier ganz wunderbar in der Rolle des alten Vaters grantelt.

Trotz seiner Strickmütze (Hommage an die Anden!) und der ein oder anderen Slapstick-Einlage (zum Beispiel beim Flirten oder Treppe-Runterpurzeln) wirkt Samarovski nie albern, sondern verleiht seiner Figur eine kauzige Würde.

In den Gesprächen mit seinen Kindern beschränkt sich der in die Jahre gekommene Vater zunächst auf das Äußern primärer Bedürfnisse: "Ich muss auf die Toilette", "ich müsste mal was essen". Nach und nach aber mausert er sich zu einem beharrlichen Einmischer und Ratgeber. Er begleitet Tochter und Schwiegersohn zum Tanzkurs und verpetzt seine Enkelin mit den Worten: "Die Prinzessin hat unter den Stuhl gepieselt." Im Gegensatz zum Vater sind die Kinder etwas offensichtlicher angelegt. Vor allem Geschäftsfrau Mareike (Andrea Sawatzki) grenzt bisweilen an eine Parodie, wie sie unnahbar in Leo-High-Heels durchs Leben stöckelt, eigentlich doch aber nur geliebt werden möchte.

Es kommt, wie es kommen muss: Der eigentlich so unerwünschte Vater wird immer mehr unersetzlich und bringt die gespaltene Familie zusammen. Dass zur Versöhnung aber auch das Zähmen einer Holocaust-verharmlosenden Teenie-Göre und das Auftreiben eines Nackt-Porträts der verstorbenen Mutter gehört, ist immerhin originell. Das Ganze gipfelt in einer herrlich absurden Schlussszene, in der die Familie beim Ex-Geliebten der Mutter aufkreuzt, einem wohlhabenden Maler im gestreiften Bademantel, der sein Geld in einem Weber-Grill hortet.

Sicherlich hat dieser Film weniger Anspruch als viele der sozialkritischen Problemfilme, die üblicherweise auf diesem Sendeplatz laufen. Er kann aber auch weniger enttäuschen. Ein Unterhaltungsfilm, der tatsächlich unterhält, ist ja auch schon mal was.

Nimm du ihn, Das Erste, 20.15 Uhr.

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