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Fortsetzung zum Missbrauchsfilm "Operation Zucker":Dreharbeiten unter Geheimhaltung

Operation Zucker

In Operation Zucker wurden Kinder (hier Paraschiva Dragus) versteigert.

(Foto: BR/ARD/Degeto/Sperl Productions/Stephan Rabold)

Es geht wieder um organisierten Kindesmissbrauch. Mehr wollen die Macherinnen nicht verraten über die Fortsetzung des Fernsehfilms "Operation Zucker". Das Thema treffe einen "politischen Nerv".

Ein langer Flur, ein knapper Dialog: "Sie sehen älter aus als auf dem Foto" - "Und was soll der Bart?" - "Macht schlanker." Karin Wegemann (Nadja Uhl) und ihr neuer Kollege Ronald Krug (Mišel Matičević) müssen wohl erst noch miteinander warm werden. Wegemann jedenfalls bricht das gegenseitige Verhör prompt ab: "Steht alles in meiner Akte." Tür zu, Kollege draußen.

Berlin-Wilmersdorf, ehemalige Sparkassenzentrale, am vorigen Mittwoch: Jagdgesellschaft ist fast abgedreht, als Uhl und Matičević immer wieder diesen atemberaubend nüchternen Korridor runterhasten, sie einen Schritt schneller als er, als liefe sie vor ihm davon.

Auch wenn Regisseurin Sherry Hormann einen Einfluss auf die Arbeit am Set verneint - es sind besondere Dreharbeiten, denn sie finden unter Geheimhaltung statt: Jagdgesellschaft ist eine Art Fortsetzung von Operation Zucker. Den aktuellen Film verbindet auf den ersten Blick nicht allzu viel mit dem von 2012: lediglich die Hauptfigur Karin Wegemann, die zu Beginn des Films in den aktiven Polizeidienst zurückkehrt, die Produzentinnen Gabriela Sperl und Sophie von Uslar, aber eben auch - und da wird's heikel - das Thema.

Keinen Angriffspunkt liefern

Es geht um organisierten Kindesmissbrauch. Stammten die Opfer in Operation Zucker noch aus Rumänien, rückt das Ungeheuerliche in Jagdgesellschaft in die Mitte der deutschen Gesellschaft vor. So viel kann man wohl sagen, ohne zu viel zu verraten. Die Inhaltsangabe, welche zusammen mit der Drehschlussmeldung am Donnerstagabend an die Presse verschickt wurde, ist vorsichtshalber so kurz wie möglich gehalten, um keinen Angriffspunkt zu liefern.

Am liebsten würde Gabriela Sperl, die Jagdgesellschaft im Auftrag von BR und ARD Degeto für Wiedemann & Berg Television produziert, gar kein Wort über den Film verlieren, um ihn nicht zu gefährden. Das kann man paranoid finden, sie hat aber ihre Gründe. "Man darf beim Thema Kinderprostitution in Deutschland nicht unterschätzen, dass man einen politischen Nerv trifft", sagt sie. Das weiß sie seit Operation Zucker. Sperl fühlte "fast eine moralische Verpflichtung", das Thema nicht ruhen zu lassen. Allerdings stand nach dem bei Kritik wie Publikum erfolgreichen ersten Film schon die Frage im Raum, "wo der neue Schmerzpunkt ist, wo man insistiert". Es sei schließlich nie darum gegangen, einfach eine neue Krimireihe zu etablieren.

Auch Jagdgesellschaft wird also wieder ein Themenfilm, die Krimiform nur das dem Zuschauer vertraute Vehikel. Im Austausch mit den Drehbuchautoren Friedrich Ani und Ina Jung habe sich dann die Geschichte herauskristallisiert. "Das ist nicht die Sorte Film, wo man einen Drehbuchauftrag vergibt und auf das Ergebnis wartet", sagt Sperl. Zwei Jahre lang recherchierten die Autoren intensiv - mit Folgen für alle Beteiligten: "Man macht nicht am Ende den Deckel drauf, und die Welt ist wieder in Ordnung", sagt Sperl.

"Berührungsängste abzubauen, zum Hinschauen verführen"

Die Produzentin glaubt daran, dass ihre Filme ein "Bewusstsein für Frauen- und Kinderschutz schaffen" können, sagt Gabriela Sperl, ein Bereich, in dem Deutschland immer noch der EU hinterherhinke. Darüber hinaus gehe es darum, "innerhalb der bestehenden Gesetze das Unrechtsbewusstsein weiter zu schärfen", ergänzt Sophie von Uslar und fügt hinzu: "Wir wissen alle, dass wir mit einem fiktionalen Film keine heile Welt zaubern können." Idealistisch sind die Macherinnen, aber nicht naiv.

Die Hauptaufgabe für Regisseurin Sherry Hormann und ihren Cast (Jördis Triebel, Rainer Bock, André Szymanski) bei Jagdgesellschaft bestehe darin, "Berührungsängste abzubauen, zum Hinschauen zu verführen", sagt Hormann. Sie ist sich dessen bewusst, dass der Blick in die Abgründe der eigenen Gesellschaft ungleich schmerzhafter ist als der in die anderer Kontinente, doch: "Wenn du wegschaust, wird sich nie etwas ändern." Wichtig ist den Produzentinnen, dass der Film weder gefühlig-schmalzig noch voyeuristisch-reißerisch daherkommt. Sie setzen auf Nüchternheit. Oder wie Sophie von Uslar es formuliert: "Die eigentliche Zumutung ist, dass der Film auf Fakten basiert."

© SZ vom 22.05.2015/jobr

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