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"Spiegel" trennt sich von Wolfgang Büchner:Journalist statt Change-Manager

Das Missverständnis Büchner war, so sehen es viele Journalisten auf der Ericusspitze, dass ein Mann ans Steuer des wichtigsten deutschen Nachrichtenmagazins gesetzt wurde, der sich seine Meriten vor allem damit verdient hat, als Chefredakteur die dpa aus den roten Zahlen zu bringen, digitale Dienste zu etablieren, einen Umzug von Hamburg nach Berlin zu organisieren - und dort sauber durchzuregieren. Das funktioniert beim Spiegel mit seinen basisdemokratischen Strukturen aber nicht.

Vor allem fiel irgendwann offensichtlich doch noch auf, dass an die Spitze des Spiegel - einst der Ort für großen, kritischen Journalismus in der BRD - ein Journalist gehört und nicht ein Change-Manager.

Die Kultur des Spiegel war oft nicht wirklich nett zu den Beteiligten, sie war schon immer besonders, und sie hat besonderen Journalismus hervorgebracht. "Wir sind wir und der Rest sind Friseure", hieß es beim Spiegel früher, wenn man beschrieb, was die eigene Truppe so zu bieten hatte. Guter Journalismus braucht Selbstbewusstsein, beim Spiegel hatten sie schon immer etwas mehr. Was davon ist noch übrig?

Kein Laden wie alle anderen

Auf digitale Erlöse müssen auch die Redakteure beim Spiegel erst eingestellt werden. Büchner und Saffe haben versucht, das unter dem Codenamen "Eisberg" von oben zu verordnen. Manche Redakteure sagen, Büchner habe inhaltlich "so gut wie keine Duftmarke gesetzt". Er soll mit skurrilen Titel- und Themenvorschlägen aufgefallen sein, auf Spiegel-Leute machte er den Eindruck, ihrer intellektuellen Kultur fremd zu bleiben - und eben wohl auch: sie schleifen zu wollen. Vielleicht hat er unterschätzt, dass der Spiegel kein Laden ist wie alle anderen, ein Chefredakteur ist dort, so hat es Rudolf Augstein gewollt, immer auch in gewissem Maße Angestellter seiner Redaktion. Auf Dauer kann kein Spiegel-Chefredakteur die Redaktion zum Feind haben. "Unerträglich" sei die Situation zuletzt gewesen, sagt einer aus der Redaktion.

De facto hat die Redaktion gerade ihren Chefredakteur beseitigt. Das ist dramatisch, aber auch typisch Spiegel. Büchner war nicht typisch Spiegel, er war ein Redaktionsmanager, der Mann der Stunde in einer von Umsatzrückgängen bedrohten Branche. Auch die Mitarbeiter des Spiegel schauen genau auf die Zahlen, weil sie von den Erlösen profitieren, und ein Unternehmen, das nicht aufs Geld schaut, ist sowieso Unsinn. Beim Spiegel ist jetzt trotzdem das Konzept gescheitert, an die Spitze der Redaktion einen Manager zu setzen, der nicht ebenso publizistisch überzeugt.

Vielleicht ist das für den Journalismus sogar die gute Nachricht.