"Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner "Ein Typ, der sich häuten kann"

Auch deshalb teilen nicht alle beim Spiegel die Einschätzung des Geschäftsführers. Manch einer in der Redaktion wünschte sich an seiner Stelle einen großen Publizisten, der dem Nachrichtenmagazin wieder ein deutliches Profil gibt, einen Außenminister mit Charisma. Manchen gilt Büchner deshalb bestenfalls als Kompromiss. Ehemalige Kollegen beschreiben ihn als durchsetzungsstarken Chef, der sich nach außen gut verkaufen kann, der Leute mitreißen kann. Ein besonderes Gespür für Themen wollen ihm nicht alle attestieren. Einer aber meint: "Er ist ein Typ, der sich häuten kann, der an dem Job wächst, den er macht - und den macht er dann gut."

Es kommt nun auf die Stellvertreter an, die diese möglichen Defizite bei Büchner ausgleichen. Namen werden viele gehandelt - von Schönschreibern, von Rechercheuren, von Onlinern, von Frauen. Es soll mehr als nur zwei Stellvertreter geben, aber wen, ist offen. Büchner soll noch nicht einmal Zeit gehabt haben, Gespräche zu führen. Aus dem Spiegel-Verlag verlautet: "Es gibt noch keine Namen, der Chefredakteur wird sie erst noch bestimmen."

Die Erwartung an der Ericusspitze ist, dass mindestens ein Onliner dabei sein wird - und eine Frau. Beim Spiegel ist die Kampagne zur Frauenförderung in Medienberufen, Pro Quote, verankert. Umstritten war in der Redaktion, ob ein Herausgebermodell mit Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, funktioniert hätte. Während einige Redakteure ihn gern an der Spitze gesehen hätten, trauten ihm andere dies schlichtweg nicht zu.

Die Zahlen des Spiegel-Verlags sind nicht gut, Büchner erwartet ein harter Job. Die Auflage des Magazins sinkt stark, im letzten Quartal des vergangenen Jahres wurde die Marke von 900.000 unterschritten, erstmals seit 1986. Immer wieder gab es zuletzt Diskussionen, ob Georg Mascolo die richtigen Themen zum Titelthema gemacht hat. Auch der Umsatz der Gruppe leidet unter Schwindsucht: 2012 waren es nur noch wenig mehr als 300 Millionen Euro. Sowohl die Werbe- als auch die Vertriebserlöse gehen zurück, wie bei fast allen Magazinen. Geschäftsführer Saffe möchte gegensteuern und einen strikten Sparkurs umsetzen. Doch da sollen sich die beiden ehemaligen Chefredakteure ausnahmsweise mal einig gewesen sein: Sie lehnten große Einschnitte in den Redaktionen ab. Ob Büchner da auch so hart bleiben wird? Er gilt als ein Mann, der auch unpopuläre Maßnahmen durchsetzen kann - so wie den Umzug der Mitarbeiter bei der dpa.

Neben Saffe hofft offenbar auch die Mitarbeiter-KG des Spiegel, die 50,5 Prozent der Anteile am Spiegel-Verlag hält, offenbar auf Büchner. Sie befürwortet die Personalie. Über die KG sind die Angestellten des Spiegel direkt an der Chefsuche beteiligt. Und auch der zweite Gesellschafter, das Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr, ist für Büchner. Neben diesen beiden Parteien halten noch die Erben von Rudolf Augstein eine Minderheitsbeteiligung von 24 Prozent an dem Unternehmen.

"Es war eine Katastrophe, und es ist gut, dass es vorbei ist"

Büchner wurde 1966 in Speyer als Sohn eines Konditors und einer Verwaltungsangestellten geboren, schrieb als freier Mitarbeiter für die Speyerer Tagespost und besuchte das katholische Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses. Er studierte Politik in Heidelberg und Hamburg, brach das Studium aber ab. Er arbeite für Boulevardzeitungen in Halle und Magdeburg, bei AP und Reuters in Bonn und ging 1999 als Chef vom Dienst ins Gründungsteam der heute eingestellten Financial Times Deutschland. Von dort wechselte er 2001 zu Spiegel Online, erst als geschäftsführender Redakteur, 2008 wurde er mit Rüdiger Ditz zusammen Stellvertreter von Online-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron.

Für den ist die Art und Weise, wie Büchner in der Konferenz vor Print- und Online-Kollegen verkündet wurde, ein nachträgliches Arbeitszeugnis. Müller von Blumencron hat Spiegel Online zwar extrem erfolgreich gemacht, es gelang ihm aber nie, mit Georg Mascolo, der für das Heft verantwortlich war, eine gemeinsame Strategie für das Magazin am Kiosk und im Netz zu erarbeiten. Mascolo wollte Spiegel-Texte im Internet kostenpflichtig machen, Müller von Blumencron lehnte das ab, weil er fürchtete, dass die Reichweite des Online-Auftritts leidet. Aus Gesellschafterkreisen ist zu hören: "Es war eine Katastrophe, und es ist gut, dass es vorbei ist." Die Doppelspitze wurde am 9. April abgesetzt. Es ist unklar, wie und wo die ehemaligen Chefredakteure ihre Karriere fortsetzen werden.

Unklar ist auch, wie es ohne Büchner bei der dpa weitergehen wird. Die Suche nach einem neuen Chef soll am Freitag beginnen. Dann tagen die Aufsichtsratsmitglieder, der Termin stand schon lange fest, die Tagesordnung auch. Sie ist um einen wichtigen Punkt ergänzt worden.