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Soziale Netzwerke:Bitte nicht füttern

Direktwahlkampf: Screenshot von Donald Trumps Facebook-Profil.

(Foto: Facebook)

Der Erfolg von Donald Trump wirft die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Facebook auf, wo Nachrichten ungeprüft weiterverbreitet werden.

Von Karoline Meta Beisel und Jannis Brühl

Während sich die meisten Leute noch fragen, warum am Mittwoch der Republikaner Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten gewonnen hat und nicht die scheinbar so viel besser geeignete Demokratin Hillary Clinton, hat das New York Magazine die Antwort schon gefunden: "Donald Trump hat wegen Facebook gewonnen", stand dort am Donnerstag zu lesen.

Nun ist Facebook nicht schuld an Trumps Erfolg - die Enttäuschung von Trumps Wählern über das politische System ist real. Aber für viele Menschen ist Facebook inzwischen der Kanal, über den sie am häufigsten Nachrichten konsumieren. Wie Trump diesen Kanal für sich genutzt hat, ist meisterhaft und zeigt, wie heute Wählerstimmen gewonnen werden. Nicht nur in Amerika.

Die Demokratin Hillary Clinton hatte für diesen Wahlkampf auf eine ausgeklügelte Strategie gesetzt, wo und wann sie und ihr Team auf welche Wähler zugehen würden, um Stimmen zu gewinnen für ihre Sache. Dass die sozialen Medien im Internetzeitalter dafür eines der wichtigsten Werkzeuge sind, weiß auch Clinton: Allein in ihrem Social-Media-Team arbeiteten mehr als 100 Personen.

Trump dagegen setzte vor allem auf einen einzelnen Wahlkämpfer: sich selbst. Ob hinter seiner Mischung aus Beleidigungen, dem Flirten mit rassistischen Beiträgen und trotzigem, gern in Großbuchstaben verfasstem Eigenlob überhaupt eine kohärente Strategie steckte, ist nicht einmal sicher. Aber das Emotionale der sozialen Medien wusste Trump deutlich besser zu nutzen als Clinton.

Über sie kommunizierte er direkt mit den Wählern und umging alle gängigen Systeme der Politik: Erst die republikanische Hierarchie, Distanzierungen der Parteielite konnten ihn nicht stoppen. Dann einen Großteil der Medien, der sich offen gegen ihn positionierte. Um sie musste er sich ohnehin nicht kümmern. Sobald er wieder etwas Unanständiges twitterte, berichteten sie ja über ihn. Jeff Zucker, Präsident von CNN, sagte noch vor der Wahl, dass es vielleicht ein Fehler gewesen sei, so viele von Trumps Auftritten ungeschnitten auszustrahlen. Jetzt hat sich gezeigt, dass Trump mit seiner Methode Clintons Maschinerie geschlagen hat.

Im Internet haben es Beleidigungen zu einer eigenen Kulturform gebracht

Beleidigende, faktenfreie Debatten gab es schon immer. Im Netz haben sie es zur eigenen Kulturform gebracht, angeheizt von den Provokationen der Trolle. Trolle wollen nicht kommunizieren, sondern Kommunikation entgleisen lassen. So wie Trump, der schon vor Jahren zur Galionsfigur der "Birther"-Bewegung wurde, die behauptet, der bisherige Präsident Barack Obama sei gar kein Amerikaner.

"Die Grenze zwischen Politiker und Troll verwischt", schrieb Dhruva Jaishankar im Sommer in einem Beitrag für den Thinktank Brookings Institution. Es geht nicht darum, wer recht hat, es geht darum, wer den anderen am meisten ärgert.

Jaishankars These ist, dass das Zeitalter der "digitalen Demokratie" angebrochen ist: In der digitalen Gesellschaft seien alle Informationen jederzeit verfügbar. Das führe einerseits dazu, dass es kein Herrschaftswissen mehr gebe. Andererseits fördere es Polarisierung und Desinformation. Wenn alle Informationen scheinbar gleich viel wert sind, schlägt die dreiste Behauptung den Kompromiss, der die repräsentative Demokratie ausmacht (und der für ihre Gegner immer schon ein Hinterzimmerdeal war).

Auch dass insbesondere Facebook immer mehr zur Video-Plattform wird, kommt Trump zugute. Sein Bühnentalent ist beeindruckend, die oft als steif kritisierte Clinton konnte da nicht mithalten.

Trumps Erfolg wirft auch die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung der sozialen Netzwerke auf, insbesondere von Facebook. Sein Wahlkampf lebte oft von Halbwahrheiten und Lügen, verbreitet von ihm und seinen Fans. Das Unternehmen prüft praktisch nicht, ob eine Meldung wahr ist oder nicht. Die Argumentation: Man sei ja kein klassisches Medium, sondern nur eine Plattform, der Inhalt komme von den Nutzern. Ihnen nicht zu geben, was sie wollten, sei Zensur. Google und Facebook beginnen gerade erst, Fact-Checking-Mechanismen einzuführen.

Falsche Nachrichten verbreiten sich in den sozialen Netzwerken besonders schnell

Neben politisch unterschiedlich positionierten Medien, die sich mit realen Ereignissen beschäftigen, gibt es im Netz aber mittlerweile eine Parallelwelt an Seiten, die Fake News in die Welt setzen und über soziale Netzwerke Millionen Menschen erreichen. So war vor der Wahl zu lesen, Barack Obama habe zugegeben, in Kenia geboren worden zu sein, oder dass der Papst dazu aufgefordert habe, Donald Trump zu wählen.

Falsche Nachrichten werden wegen ihres oft plakativen Inhalts häufig angeklickt - und je mehr solcher Interaktionen mit den Nutzern es gibt, desto schneller werden diese Nachrichten von den Facebook-Algorithmen weiterverbreitet: Was viele interessiert, bekommen auch viele zu sehen.

Journalisten, die sich darauf spezialisiert haben, solche "Artikel" zu widerlegen, kommen nicht hinterher - oder erreichen nur die Leser in der Filterblase der vermeintlich Aufgeklärten, dafür sorgt wiederum der Algorithmus.

Wie mächtig er ist, kann man auf der Seite "Blue Feed, Red Feed" des Wall Street Journals ausprobieren. Die Seite zeigt, wie unterschiedlich der Facebook-Nachrichtenstrom für Liberale und Konservative aussieht. Zum Thema "President Trump" zeigt der liberale Nachrichtenstrom zum Beispiel Kritik daran, dass Promimagazine wie People schon die ersten Jubelgeschichten über Donald Trump und seine Familie vorbereiten. Der konservative Nachrichtenstrom direkt daneben verlinkt auf eine Geschichte, die über Ausschreitungen von vom Wahlausgang enttäuschten Demokraten berichtet.

Das Widerlegen von falschen Nachrichten kann unter Umständen sogar eigene Nachteile mit sich bringen: "Die Presse wies Trump häufiger Lügen nach als Hillary Clinton, die weniger flunkerte (aber auch nicht gerade selten)", schrieb Medienkolumnist Jim Rutenberg in der New York Times. "Dadurch entstand der Eindruck der Unausgewogenheit."

Falsche Nachrichten dürften besonders Trump geholfen haben, denn sie sind vor allem ein Kampfmittel der Rechten: In einer Analyse von Buzzfeed waren mehr als ein Drittel der Nachrichten auf stramm rechten Facebook-Seiten falsch, auf ihren linken Pendants waren es 19 Prozent. Und in einem Raum, in dem Fakten nicht so wichtig sind, hat der Troll die besten Chancen.

© SZ vom 11.11.2016
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