"Solos" bei Amazon Prime:Es hat Pups gemacht

Solos

Helen Mirren spielt Peg, eine schüchterne Frau, die an einem Weltraumexperiment teilnimmt.

(Foto: Jason LaVeris/Amazon Prime Video)

Die Anthologie-Serie "Solos" protzt mit Prominenz und Science-Fiction-Themen, scheitert aber an ihren Ambitionen.

Von Kathleen Hildebrand

Es hat schon einen Grund, warum der Monolog eher ins Theater gehört als in den Film. Ein einsamer Mensch, der ohne Gegenüber sein Innenleben ausbreitet, setzt beim Publikum viel Bereitschaft voraus, von naturalistischen Maßstäben abzusehen. Im Film, der naturalistischen Kunstsparte schlechthin, wirkt er fast immer extrem künstlich. Wenn Amazon nun also eine Anthologie-Serie mit Einzelauftritten berühmter Schauspieler präsentiert, ist das zunächst einmal sehr gewagt.

Stars wie Helen Mirren, Anne Hathaway und Morgan Freeman machen Solos erst einmal zu einem recht offensichtlichen Prestigeprojekt. Amazon bringt so etwas immer mal wieder ins Programm, es gab The Romanoffs von Mad-Men-Schöpfer Matthew Weiner oder Modern Love, ebenfalls extrem hochkarätig besetzt. In Erinnerung blieb aber keine der Schaut-her-wen-wir-casten-können-Serien.

Solos wirft nun noch mehr in den Ring als Prominenz, nämlich Aktualität und eine gewisse Leitartikel-Ambition, denn im Hintergrund des Projekts steht die Corona-Pandemie. Mirren, Freeman und Hathaway treten auch deshalb allein oder mit einem einzigen anderen auf, weil der Monolog zum Zeitpunkt des Drehs die sicherste Form war. Insofern war die Idee von Autor David Weil sehr praktisch. Die Science-Fiction-Geschichten, die in jeweils etwa 30 Minuten erzählt werden, sind dystopisch. Es geht um Technologie und Einsamkeit, die meisten Figuren reden mit Maschinen.

Solos

Sasha (Uzo Aduba) lebt in angenehmer Pandemie-Isolation und will nicht raus aus ihrem Haus.

(Foto: Jason LaVeris/Amazon Prime Video)

Das ist viel Bedeutsamkeitsgepäck. Eine Episode handelt von einer Frau mittleren Alters, die seit ihrer Jugend in Isolation lebt - die Pandemie, die sie einst dazu zwang, ist aber laut der künstlichen Hausverwaltungsintelligenz, mit der sie sich unterhält, schon seit Jahren vorbei. Sasha soll langsam raus aus dem schicken Isolationshaus, aber sie will nicht, weil sie den guten Nachrichten auf ihren Bildschirmen misstraut. Solos ist ambitioniert, aber subtil ist die Serie nicht.

Diese armen, tollen Schauspieler wirken, als nähmen sie ein Casting-Video auf

Das ist nur einer der Gründe, warum auch diese Amazon-Anthologie wohl keine Geschichte machen wird. Eine halbe Stunde ist zu kurz, um Themen wie Erinnerungsdiebstahl, Zeitreisen oder modernen Empfängnismethoden wirklich so auf den Grund zu gehen, dass es interessant würde. Stattdessen nehmen die Drehbücher bei jeder Gelegenheit die erste Abbiegung in Richtung Kitsch und versuchen das dann mit, haha, Furz-Witzen zu kompensieren. Ja, wirklich: In jeder zweiten Folge von Solos kommt ein Furz-Witz vor.

Nicht einmal die großartige und auch hier starke Helen Mirren kann als Seniorin auf Weltraumreise ohne Wiederkehr diese erwartbaren, hyperemotionalen Texte davor bewahren, im melancholischen Klaviergeklimper, das sie unterlegt, zu ertrinken. Diese armen, allesamt tollen Schauspieler wirken, als nähmen sie ein Video für ein Casting auf, das zeigt, wie weit sie emotional gehen können.

Anthony Mackie (Avengers) sitzt seinem Roboterdouble gegenüber, das ihn nach seinem baldigen Ableben als Familienvater ersetzen soll. Er schwärmt von seinen süßen Kindern und seiner perfekten Frau, bis ihm die Tränen kommen. Kaum einer der Monologe oder Quasi-Monologe macht vor dieser Klimax, dem Tränengipfel, halt. Am schlimmsten muss Constance Wu weinen, die in einer Art Wartezimmer sarkastisch von ihrem Wunsch erzählt, Mutter zu werden - bis sie am Schluss von einem tödlichen Zusammenbruch erzählt und dabei Rotz und Wasser heult. Eingebettet in einen Film mögen solche Parforceritte funktionieren. In einer halben Stunde Sci-Fi-Drama sind sie eine Zumutung.

Den Höhepunkt des Emo-Festivals bildet dann das Finale, in dem Morgan Freeman an einem Strand seine tragische Geschichte erzählt. Das Licht ist golden, zum Klavier kommen noch Geigen hinzu, und während Freeman eine unfassbar platte Starrt-nicht-nur-auf-eure-Bildschirme-Moral deklamieren muss, denkt man als Zuschauerin, die es so weit geschafft hat, nur noch eins: Wenn die Zukunft schon dystopisch wird, dann lasst uns in ihr bitte wenigstens nicht zu Kitschnudeln werden.

Solos, sieben Folgen, auf Amazon Prime.

© SZ
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