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Boulevardjournalismus: Bild und RTL können tiefer nicht sinken

Fünf tote Kinder in Solingen gefunden

Polizeibeamte am Tatort in Solingen. An welcher Stelle endet die Berichterstattung?

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Das Blatt und der Sender veröffentlichen Nachrichten des Jungen von Solingen, der den Tod seiner fünf Geschwister überlebt hat. Das sollte nicht nur den Redakteuren, sondern auch den Besitzern der Medien peinlich sein.

Kommentar von Detlef Esslinger

Es ist eine Art von Missbrauch, den Bild und RTL nach dem Familiendrama in Solingen begangen haben. Beide Medien veröffentlichten Handy-Nachrichten, die der überlebende Junge nach dem Tod seiner fünf Geschwister an Freunde geschickt hatte.

Wie tief kann man sinken? "Man sieht nur mit dem Herzen gut", heißt der berühmte Satz aus dem "Kleinen Prinzen" von Saint-Exupéry; zumindest für die Augen des derzeitigen Bild-Chefs wird das Wesentliche wohl immer unsichtbar bleiben.

Sein Ethos besteht darin, jeden Tag nach irgendeinem Effekt zu haschen. Er führt sein Medium zurück in die 1970er-Jahre, in die allerbrutalste Zeit des Blattes. Wer solche Menschen für ehrbare Journalisten hält, der hält auch manchen Geldeintreiber für einen Bankberater.

Doch Zyniker an der Redaktionsspitze sind das eine. Das andere sind deren Chefs. Bild gehört zu Springer; die Verlegerin Friede Springer legt stets Wert darauf, in der Gesellschaft eine Dame von Rang zu sein. RTL gehört zu Bertelsmann, und dort gilt selbiges für Liz Mohn, die oberste Chefin des Konzerns und der gleichnamigen Stiftung, welche das Land so gern belehrt.

Ihren Reichtum verdanken beide Frauen auch Geschäftsmodellen, wie sie jetzt in Solingen ausgelebt wurden. Dieses Geld stinkt. Die Frage lautet: Wann wird's ihnen mal peinlich?

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund eines redaktionellen Fehlers hatte zunächst auch die SZ in einer Online-Version Zitate aus einem Whatsapp-Chat des Elfjährigen mit einer Freundin und aus dem Klassen-Chat wiedergegeben. Darin berichtete der Junge vom Tod seiner Geschwister. Diese Passage wurde entfernt.

© SZ vom 07.09.2020/odg/jael
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