Süddeutsche Zeitung

Dokumentarfilm über Folter:Trauma Guantanamo

Mohamedou Slahi war einer der meistgefolterten Häftlinge in dem US-Gefangenenlager. Ein Dokumentarfilm über ihn und seine Peiniger zeigt das, was die Welt nie erfahren sollte.

Von Sonja Zekri

John Goetz nennt ihn schon einen "Freund", als er Mohamedou Slahi noch gar nicht begegnet ist. Goetz hat über ihn geschrieben, das schon, aber nun wird er ihn zum ersten Mal treffen. Am Ende des Films sagt Mohamedou Slahi über den Journalisten, er sei nur das "Ticket" gewesen, um seine, Slahis, Geschichte zu erzählen: "Ich benutze dich, um meinen Film zu machen." Kein Wort von Freundschaft. Und doch begreiflich.

Mohamedou Slahi saß vierzehn Jahre in Guantanamo, weil er Kontakte zu Al-Qaida hatte, weil er an den Anschlägen des 11. September beteiligt gewesen sein soll. 2016 wurde er entlassen, ohne dass auch nur Anklage erhoben worden wäre. Rein statistisch, so hat es jemand ausgerechnet, war Slahi der "meistgefolterte" Gefangene in Guantanamo. Wer wen benutzt, wer Fragen stellt und wer sie beantwortet, welche Geschichte erzählt und welche geglaubt wird, das war für ihn eine Sache von Leben und Tod.

Man muss sagen: Im Wettbewerb der Narrative hat Slahi deutlich aufgeholt. Von John Goetz' Film Slahi und seine Folterer gibt es eine 50-minütige Version auf Arte und eine 90-minütige in der ARD, dazu einen Podcast. Vor Kurzem ist der Hollywood-Film Der Mauretanier mit Jodie Foster, Tahar Rahim und Benedict Cumberbatch angelaufen. Noch in Haft hatte Slahi selbst ein Buch geschrieben.

Als Slahi trotz Schlafentzugs, Gebetsverbots und Schlägen immer noch nicht lieferte, verfielen die Peiniger auf eine neue Methode

Man erreicht Mohamedou Slahi per Whatsapp, es dauert keine halbe Stunde, und er schickt ein halbes Dutzend Sprachnachrichten, in denen er seine Zufriedenheit mit der jüngsten Wendung ausdrückt: Als der mauretanische Geheimdienst ihn an die USA auslieferte, "als ich entführt wurde, vor meiner Mutter, ohne Gesetz, Mafia-Style, hat man nicht damit gerechnet, dass die ganze Welt davon erfährt". Nun hat die Welt davon erfahren.

Auch am Ende von Slahi und seine Folterer bleiben, vorsichtig ausgedrückt, Zweifel, was an Slahis Version stimmt und was nicht. Warum hat sein Cousin ihn mit dem Handy Bin Ladens angerufen? Warum und wie oft hat er die Attentäter und Drahtzieher des 11. September in seiner Wohnung in Duisburg beherbergt, wo er anfangs als Stipendiat der Carl-Duisberg-Gesellschaft lebte? Ist er nicht doch zu glatt, zu freundlich? Manipuliert er Filmemacher und das Publikum ebenso, wie er in Guantanamo Peiniger und Mithäftlinge zu manipulieren versuchte? So beschreiben ihn die Verhörspezialisten.

Es spricht für den Film, dass er solche Überlegungen selbst aufwirft. Es hätte der Argumentation allerdings auch keinen Abbruch getan, wenn John Goetz nur halb so oft im Bild zu sehen wäre. Denn Slahi ist spannender als der Reporter. Die Folterer wiederum spürt Goetz tatsächlich auf. Die Recherche des ersten Namens ist eine zähe Geschichte, aber dann wird es leichter, und schließlich wollen alle reden. Auch sie haben eine Geschichte.

Sie ist, dies vorab, nicht unbedingt überzeugender als die des Gefangenen. Wenn Richard Zuley, der Teamleiter der Folterer, behauptet, er habe sich mit Slahi bestens verstanden, "wir haben Freundschaft geschlossen", bei seinem, Zuleys, Abschied, habe der Gefangene sogar geweint, dann ist das schon ziemlich widerwärtig. Als Slahi trotz Schlafentzugs und Gebetsverbots, Erniedrigungen und Schlägen immer noch nicht lieferte, verfiel Zuley auf eine ganz gewiefte Methode. Er ließ einen offiziell aussehenden Brief erstellen, der Slahis Mutter wegen "mangelnder Kooperation" ihres Sohnes Haft für sie in einem Männergefängnis androht. Slahi brach zusammen, schrieb seitenweise Kontakte. "Es sprudelte nur so aus ihm raus", so Zuley zufrieden.

Nichts davon war verwertbar. Slahis Angaben widersprachen den Ermittlungen. Lügendetektor-Tests widerlegten das erzwungene Geständnis. Ohne es zu wollen, hatte Zuley bewiesen, was noch immer das stichhaltigste Argument gegen die Folter ist: Sie liefert keine Erkenntnisse.

Das Interessante an Goetz' Film ist nun, dass er Slahi als vergleichsweise intaktes, verzeihendes, fast salbungsvolles Opfer zeigt, während die Täter seitdem nicht mehr auf die Beine kommen. Slahis ehemaliger Wächter, inzwischen gläubiger Christ, schafft es nur noch mit einer Batterie Tabletten durch den Tag. Auch die Analystin, die Slahi nach wie vor den Tod wünscht, steht mit leeren Händen da. Ihre besten Jahre habe sie dem Kampf gegen den Terror gewidmet, sagt sie. Und jetzt gibt ihr härtester Fall den Medien der Welt Interviews und arbeitet als Motivationstrainer, während ihre Verdienste niemanden interessieren.

"Was wir getan haben, war falsch", sagt Mr. X, der Folterer: "So sind wir eigentlich nicht." So sind sie aber eben doch

Den größten inneren Konflikt aber trägt Mr. X aus. Nach Slahis Beschreibungen war er der Brutalste von allen, ein tätowierter Riese mit einer Brust wie ein Öltank. Und mit Erfahrung. Er sei für die Anwendung "erweiterter Verhörmethoden" ausgebildet worden, gibt er zu, er habe so etwas schon häufiger gemacht, im Irak, in Afghanistan. Es habe eine Aufgabe zu erfüllen gegeben, und fast wartete man darauf, dass er vom Rädchen im Getriebe spricht. Aber die Rechtfertigungsarchitektur trägt nicht mehr. Als Goetz ihn fragt: "Haben Sie gefoltert?", zögert Mr. X kurz, dann sagt er: "Ja. Das ist Folter."

Die Erinnerungen lassen ihn nicht mehr los, er spielte mit dem Gedanken, sich umzubringen. Er hält Slahi noch immer für einen "Feind der USA". Und doch sieht er das Scheitern von Guantanamo, von der Praxis der "erweiterten Verhörmethoden", von seiner "Aufgabe" als gescheitert an. Nicht weil Slahi nichts nachgewiesen werden konnte, sondern weil die USA selbst Schaden genommen haben. "Was wir getan haben, war falsch", sagt Mr. X: "So sind wir eigentlich nicht."

Nun, so sind sie manchmal eben doch. Guantanamo ist nicht geschlossen, für einen extralegalen Exzess hält sich das Lager ziemlich lange. Man könne eben nicht davon ausgehen, dass Amerika die Menschenrechte respektiert, schreibt Slahi in einer Textnachricht.

Fünf Jahre nach seiner Entlassung scheint es allerdings, als sei das amerikanische Kapitel für ihn abgeschlossen, als gehe es ihm längst um anderes. Um Deutschland, um Duisburg, wo seine Frau und sein Kind leben. Noch immer aber bekommt er kein Visum nach Deutschland, nicht für die Premiere des Mauretaniers, nicht für Goetz' Film, nicht für eine Familienzusammenführung. "Es ist eine große Schande, dass Deutschland keine unabhängige Außenpolitik betreibt", tadelt er. Es klingt staatstragend. Er weiß: Die Welt hört ihm zu.

Slahi und seine Folterer, Das Erste, 22.50 Uhr und in der ARD-Mediathek. Anmerkung der Redaktion: John Goetz arbeitet seit Jahren immer wieder auch für die SZ. Mit seinem Arbeitgeber, dem NDR, kooperiert die SZ im Rahmen der Recherchekooperation von SZ, NDR und WDR.

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