Sportjournalismus:Volle Pulle

Fußball 1. Bundesliga 1. Spieltag Borussia Dortmund - Eintracht Frankfurt am 14.08.2021 im Signal Iduna Park in Dortmund

BVB-Fanblock im Stadion in Dortmund.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Sky und Borussia Dortmund wollen in Zukunft eng zusammenarbeiten, auch redaktionell. Was das für die unabhängige Berichterstattung des Senders bedeutet.

Von Thomas Balbierer

Die verdientesten Fußballverteidiger sind stets die unangenehmsten - zumindest für ihre Gegner. Giorgio Chiellini etwa, das 1,87-Meter-Gladiatorenabbild in der Abwehr Italiens, verteidigte seine Mannschaft in diesem Sommer mit dosierter Destruktivität zur Europameisterschaft: Als sein englischer Gegenspieler in der 96. Minute des EM-Finals aufs italienische Tor losstürmte, packte Chiellini ihn am Kragen und riss ihn gnadenlos um - ein Foul, ein Attentat aufs Spiel, das sich noch als Schlüsselszene erweisen sollte. Denn der Verteidiger rettete sein Team in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen, das Italien am Ende gewann. Und weil Chiellini, abgesehen von wenigen Ausflügen ins Grobe, generell als feiner Kerl gilt, schien er sich beim Schiedsrichter für die gelbe Karte bedanken zu wollen und reichte dem Gegenspieler zur Versöhnung die Hand. Reingrätschen wenn nötig, und trotzdem Fairness bewahren - ein Balanceakt.

Eine ähnlich schwierige Balance müssen Journalisten leisten, wenn sie Interviewpartner nicht einfach mit ihrer Version der Geschichte durchkommen lassen wollen. Dabei sollen sie, Grüße an Frank Plasberg, hart aber fair sein. In der Politik zerren Journalisten bisweilen auch lange nach dem Schlusspfiff am Kragen von Spitzenvertretern. In der Sportberichterstattung aber würde man sich in manchen Medien, bildlich gesprochen, ein bisschen mehr Chiellini wünschen.

In der vergangenen Woche kündigte der Bezahlsender Sky eine enge Kooperation mit dem Bundesligisten Borussia Dortmund an. Unter der Überschrift "Volle Pulle Schwarzgelb" informierte Sky, dass man die Zusammenarbeit in den kommenden vier Jahren "redaktionell intensivieren", feste BVB-Sendungen im Programm etablieren und "verstärkt Spieler und Offizielle des BVB" einbinden werde, um Borussia-Fans als Abonnenten zu gewinnen. "Mehr BVB als bei Sky steckt in keinem anderen Sender in Deutschland", jubelte ein Manager. Von Unabhängigkeit, Distanz oder kritischem Journalismus war in der Mitteilung leider nicht die Rede.

Berichtet der Sender künftig über seinen Geschäftspartner genauso kritisch wie über dessen Bundesliga-Konkurrenten?

Nun ist Sky natürlich kein Aushängeschild des investigativen Sportjournalismus, Recherchen zu Doping oder Steuerhinterziehung im Profisport finden woanders statt. Der Sender gibt eine Menge Geld für die Übertragungsrechte von Fußballspielen aus und hat in erster Linie ein Interesse daran, sein mit Vor- und Zwischen- und Nachberichten ausstaffiertes Unterhaltungsprodukt ertragreich unters Fußballvolk zu bringen. Da ist die große Fangemeinde des BVB sicherlich keine schlechte Zielgruppe. Allerdings stellt sich schon die Frage, ob Sky in Zukunft unter denselben journalistischen Kriterien über den Geschäftspartner aus Dortmund berichten kann wie über dessen 17 Bundesliga-Konkurrenten - die nicht so eng mit dem Sender verwoben sind. Werden nun bevorzugt BVB-Manager in Sendungen eingeladen? Lässt der Verein Botschaften künftig vor allem per Sky in Umlauf bringen? Leidet die Ausgewogenheit?

"Sollte Sky die kritische Nähe zum BVB vermissen lassen, wäre das ein Eigentor", sagt Christoph Bertling, stellvertretender Leiter des Instituts für Kommunikations- und Medienforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Schließlich erwarte das zahlende Publikum eine unparteiische Fußballberichterstattung. Die angekündigten Fan-Formate, etwa eine zehnteilige Doku sowie die Ausstrahlung eines wöchentlichen BVB-Magazins, seien für sich genommen unbedenklich, sagt Bertling. So was habe inzwischen fast jeder Verein. Sky müsse diese Inhalte jedoch strikt von anderen Programmbereichen trennen. "Wenn in anderen Sendungen plötzlich eine Verzerrung der Berichterstattung zugunsten des BVB stattfinden würde, wäre das problematisch. Dieser Gefahr muss sich Sky bewusst sein."

Die Vereinsproduktionen würden "deutlich als solche gekennzeichnet", erklärt der Sky

Ein Sprecher des Senders weist die Bedenken auf SZ-Anfrage zurück. Es sei der journalistische Anspruch des Unternehmens, dass man "unabhängig und ungefiltert" über die Bundesliga berichte. Das neue Klub-TV-Angebot sei eine Ergänzung und kein Ersatz für die klassische Medienberichterstattung. Die mit Dortmund vereinbarten Vereinsproduktionen würden "deutlich als solche gekennzeichnet", um sie von der redaktionellen Berichterstattung abzugrenzen. Auch in Dortmund hält man die Sorge um zu viel Nähe für unbegründet. "Borussia Dortmund wertschätzt kritischen, unabhängigen Journalismus", teilt ein Vereinssprecher mit. Der BVB plane nicht, die redaktionelle Hoheit des Senders anzutasten, außerdem pflege man seit Jahren Kooperationen mit Medien und sei "überzeugt, dass die journalistische Distanz auch diesmal gewahrt bleibt". Um wie viel Geld es bei der Partnerschaft geht, sagen beide Seiten auf Nachfrage nicht.

Der Deal wirft auch ein generelles Schlaglicht auf die Kommunikationsstrategien großer Bundesligavereine. Es ist ja kein neues Phänomen, dass Klubs versuchen, sich der kritischen Kontrolle durch klassische Medien zu entziehen und Interviews oder wichtige Botschaften vor allem über eigene Kanäle in die Öffentlichkeit senden. Der FC Bayern zum Beispiel betreibt seit 2017 einen hauseigenen 24-Stunden-Kanal und macht die Nachrichten über sich dort einfach selbst. "Das Gefühl für die Rolle des kritischen Journalismus geht bei den großen Vereinen immer mehr verloren", sagt Kommunikationsforscher Bertling. Die Klubs müssten jedoch verstehen, dass Journalisten Zugänge zu Spielern, Trainern und Managern bräuchten, um ihre gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen. "Sie dürfen sich nicht abschotten, sonst verliert auch die Gesellschaft den Zugang zur kritischen Einordnung." Debatten über Doping, Rassismus oder Sexismus im Fußball würden ja nicht auf Vereinssendern stattfinden.

Bislang hätten sich die Top-Vereine von klassischen Medien zunehmend abgegrenzt, sagt Bertling. Der Schulterschluss zwischen Sky und dem BVB sei nun ein neuer Schritt, eine Art Entgrenzung zwischen beiden Welten. Was das genau bedeutet, wird man sehen. Demnächst, bei Sky.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB