Skandale beim MDR "Saustall Leipzig"

Udo Reiter hat innerhalb der ARD große Publikumserfolge gefeiert, doch nun gerät der MDR-Intendant wegen der jüngsten Skandale bei der Sendeanstalt unter Druck. Er übernimmt die Verantwortung - aber wofür?

Von Christiane Kohl

Seit 20 Jahren führt Udo Reiter den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Er war nach der Wende Gründungsintendant. Am Ende des Jahres wird er sein Amt vorzeitig zur Verfügung stellen, mit 67 Jahren. Auf seine tatsächlich letzten Tage geriet der aus Lindau stammende, zur Großzügigkeit neigende Journalist so in die Kritik, wie es wohl selten in einer Fernsehanstalt geschieht.

Auf seine letzten Tage als MDR-Intendant geriet Udo Reiter so in die Kritik, wie es wohl selten in einer Fernsehanstalt geschieht.

(Foto: dpa)

Wie in einem Tribunal ging es zeitweise in der Rundfunkratssitzung am Mittwoch dieser Woche zu: Da forderten selbst CDU-Vertreter, die Reiter bislang stets gestützt hatten, seinen Rücktritt, und auch was der von Reiter selbst beauftragte, hausinterne Ermittler Ingmar Weitemeier zu den jüngsten Skandalen im MDR vortrug, schlug auf den Chef zurück: "Saustall!", kommentierte einer der Sitzungsteilnehmer, und immer wieder fiel das Wort: "Verantwortung".

Gegen Ende der Sondersitzung, bei der zeitweise auch MDR-Hierarchen und Vertreter der Staatskanzleien ausgesperrt wurden, erklärte Reiter, dass er "die politische Verantwortung" für das Geschehene übernehme, weil er schließlich für die "von Mitarbeitern begangenen Fehler" verantwortlich sei.

Eigene Versäumnisse wollte er nicht einräumen. Vorwürfe, er sei in der Affäre Foht bereits im Herbst 2009 über mögliche Unregelmäßigkeiten des inzwischen fristlos gekündigten MDR-Unterhaltungschefs ins Bild gesetzt worden, ohne zu reagieren, stritt Reiter ab. Er habe, die Informationen umgehend an die zuständige Fernsehdirektion weiter geleitet.

Es geht nun ums Ganze in Leipzig, um das "Reich Reiter", jene Mischung aus grandiosen Publikumserfolgen innerhalb der ARD-Programme, gekonnt improvisierten Geld- und Mittelbeschaffungen für den Sender-Aufbau und einem Personalregiment, in dem es zuweilen wohl eher nach Gusto als nach fachlicher Qualifikation ging.

Reaktion erst bei Drohung mit dem Finanzamt

Die sieben Verwaltungsräte, sie bilden das oberste Kontroll-Gremium des Senders, haben am 22. August beschlossen, dass Reiters Vertrag unabweislich zum 31. Oktober aufzulösen sei - ob bis dahin ein Nachfolger gefunden sei oder nicht. Drei Kandidaten stellen sich am kommenden Montag vor: Der Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung Bernd Hilder, 52, der stellvertretende Fernsehdirektor beim Westdeutschen Rundfunk Helfried Spitra, 56, und Karola Wille, 52, die bereits stellvertretende Intendantin und juristische Direktorin beim MDR ist.

Hilder gilt als wenig erfahren im Fernsehgeschäft, Spitra, der früher Kulturchef beim MDR war, wird nicht allzu viel Führungsfähigkeit zugetraut. Und Wille steht angesichts der Kette von Skandalen, die den MDR erschüttern, im Feuer. Der gebürtigen Chemnitzerin wird angekreidet, dass sie zu DDR-Zeiten SED- Mitglied war. Was die aktuellen Skandale betrifft, gilt Wille aber eher als "Teil der Aufklärung denn als Teil des Problems", wie ein Rundfunkrat erklärte.

Dass die Machenschaften des suspendierten früheren MDR-Unterhaltungschefs Foht öffentlich wurden, geht auf eine Initiative Willes zurück. Inzwischen kennt man den Ablauf der Ereignisse besser: Im Herbst 2008 hatte sich Foht 20.000 Euro bei den Geschäftsführern der Leipziger Produktionsfirma Ariane geliehen. Das "Darlehen" wurde formlos auf MDR-Papier quittiert, Foht wollte es in wenigen Tagen zurückzahlen.

Dann hörten die TV-Unternehmer mehr als zwei Jahre nichts mehr. Sie schrieben Mahnungen, versuchten Foht anzurufen. Erst als sie ihm mit dem Finanzamt drohten, regte sich der MDR-Manager. Eine Scheckeinlösung scheiterte, weil die Kontodaten nicht übereinstimmten.

Sendungen ohne Zustimmung bestellt

Die Ariane-Leute gingen Foht erneut an, der schließlich zahlte. Die Produzenten wollten die Sache damit beenden, doch auf einmal bat MDR-Vize-Intendantin Wille schriftlich darum, die Belege für die Geldtransaktion herauszurücken. Mittlerweile hat die Leipziger Staatsanwaltschaft alle Papiere, sie ermittelt gegen sechs Personen wegen des Verdachts auf Untreue und Betrugs.

Insgesamt sollen acht bis zehn Firmen beteiligt sein, die sich offenbar abhängig fühlten von Foht, der sich gern als "König der Volksmusik" feiern ließ. Der Unterhaltungschef bestellte zuweilen auch Sendungen, für die er keine Zustimmung hatte. Die Leipziger Firma Classic Art zum Beispiel fabrizierte 2008 "Schlag auf Schlager". Die Kosten: rund 350.000 Euro. Das Format blieb allerdings liegen, im MDR galt es als zu teuer. Zwar wurde es dann noch weiterverkauft, für 180.000 Euro, und mit 12,4 Prozent Marktanteil ausgestrahlt. Doch Classic Art war pleite und meldete Insolvenz an.

Vielleicht wollte Foht tatsächlich nur schnell und unbürokratisch Fernsehen machen. Dafür, dass er sich privat bereichert haben könnte, gibt es derzeit keinen Anhaltspunkt. Doch der MDR-interne Ermittler Weitemeier glaubt wohl nicht - so scheint der Eindruck der Verwaltungsräten zu sein -, dass es sich bei den hin- und hergeschobenen Geldern um "Darlehen" gehandelt habe.

Ging es in Wahrheit um Kickback-Geschäfte, wie sie in der Baubranche vorkommen? Wurde Geld durch überhöhte Rechnungen geschöpft, um die Auftraggeber zu schmieren? Wie auch immer: MDR-Chef Reiter wird seine Pension herbeisehnen.

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