Skandal um Text-Outsourcing US-Lokalnachrichten - produziert auf den Philippinen

Egal, was im Großraum Houston los war, der freie Journalist Chad King war immer vor Ort und berichtete überaus kostengünstig. Einziges Problem mit dem unschlagbaren Lokalreporter: Er hat nie existiert. Seine Storys wurden allesamt auf den Philippinen fabriziert - kein Einzelfall.

Von Michael Moorstedt

Es ist immer schwierig, jemanden zu finden, der für wenig Geld viel arbeitet. Deshalb war dieser Typ namens Chad King auch der Traum eines jeden Zeitungsredakteurs. Der freie Journalist war einfach überall im Großraum Houston, war immer vor Ort und ganz nah am Menschen.

Beerdigung des Polizisten Brian Bachmann in College Station bei Houston, Texas, am 18. August 2012. Bachman war im Einsatz erschossen worden. Irgendwo in der Menge war früher der Zeitungsreporter, der über das Ereignis berichtet. Heute sitzt er manchmal am Computer auf einem ganz anderen Kontinent - wo die Löhne billiger sind.

(Foto: AP)

In Clear Lake berichtete er über unhygienische Zustände in einem Fastfood-Restaurant, in Fort Bend gab er den Polizeireporter und in Pearland war er zugegen, als Athleten der Special Olympics dem örtlichen Sportzentrum einen Besuch abstatteten. Mehr als 350 solcher Geschichten schrieb King seit Herbst 2010 für die Lokalseiten des Webangebots der angesehenen Tageszeitung Houston Chronicle. Es gab nur ein Problem mit dem Lokalreporter aus dem Bilderbuch: Er hat nie existiert.

Chad King ist das Alias eines anonymen Mitarbeiters des amerikanischen Nachrichtendienstleisters Journatic. Seit mehr als fünf Jahren beliefert das Unternehmen große amerikanische Verlage mit Texten. Ohne besondere Ankündigung und ohne dass es die Leser bemerkten, wurde immer mehr Arbeit von den Redaktionen der Chicago Tribune, des San Francisco Chronicle oder auch des Houston Chronicle ausgelagert und an Journatic übergeben.

Die Firma produzierte zu einem Spottpreis "hyperlokale" Geschichten - so heißen im amerikanischen Journalismus die Stories, die berichten, was im Viertel gleich um die Ecke passiert. Obwohl nie Zahlen veröffentlicht wurden, war das Geschäft wohl profitabel.

Im Frühjahr 2012 wurde die Tribune Company, das Stammhaus des Chicago Tribune, nicht nur Journatic-Auftraggeber, sondern auch Investor. Da befand sich das Verlagshaus zwar noch im Gläubigerschutz, aber die Beteiligung schien der Unternehmensspitze wohl vielversprechend. Erst in den vergangenen Wochen wurde der Name Journatic dann einer breiteren Öffentlichkeit bekannt - ausgerechnet im Zuge schlechter Nachrichten.

Fremde Artikel plagiiert

Denn die Texte, die "Chad King" und seine Kollegen den Zeitungen lieferten, entstanden keinesfalls vor Ort. Stattdessen beschäftigte Journatic zu diesem Zeitpunkt etwa 140 Angestellte auf den Philippinen, die einen Großteil der Arbeit verrichteten. Sie durchforsteten Polizeiberichte, Amtsblätter, Sporttabellen, Pressemitteilungen oder Studienergebnisse und zimmerten daraus grobe Texte, die dann von Muttersprachlern aufbereitet und unter falschem Namen - für Preise zwischen zwei und zwölf Dollar - an die Redaktionen geliefert wurden. Darüber hinaus wurden fremde Artikel plagiiert und Zitate auch schon mal erfunden, das berichtete ein Journatic-Insider in der bekannten Radiosendung This American Life über die Geschäftspraktiken seines Arbeitgebers.

Die Empörung war groß. Im sozialen Netz triefte die Häme, die beteiligten Verlage konnten sich nicht schnell genug von Journatic distanzieren, die Tribune Company beendete ihre Beteiligung. Von dem Unternehmen selbst war auf Anfrage kein Kommentar zu erhalten, zuletzt hieß es, dass wohl ein Großteil der Angestellten entlassen werde.