Süddeutsche Zeitung

Skandal im US-Wahlkampf:Trumps neuer Feind: Fox News

Nach seiner sexistischen Attacke auf Fox-News-Journalistin Megyn Kelly distanzieren sich viele Republikaner von Donald Trump. Medientycoon Murdoch könnte es ihm bald noch viel schwerer machen.

Mexikaner sind für Donald Trump "Vergewaltiger", die nur eine große Mauer vom Sturm auf die USA abhält. Frauen, die ihm missfallen, bezeichnet der Republikaner als "fette Schweine" oder "Hunde". US-Senator John McCain ist für Trump kein Kriegsheld, weil sein Flugzeug schließlich über Vietnam abgeschossen wurde. Keine dieser Entgleisungen hat den Höhenflug des 69-Jährigen an die Spitze der konservativen Konkurrenz in allen Umfragen beenden können - bis zu diesem Wochenende.

Denn am Freitagabend beleidigte der exzentrische Milliardär die Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly nicht nur als "nicht sehr stark und nicht sehr schlau". Im CNN-Interview beschwerte er sich, dass ihn Kelly in der ersten TV-Debatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber am vorigen Donnerstag auf seine frauenfeindlichen Aussagen angesprochen hatte. 24 Millionen Zuschauer hatten dies mitverfolgt. Nun legte Trump nach - und sagte in Anspielung auf den Menstruationszyklus: "Aus ihren Augen kam Blut, Blut kam aus ihr heraus . . . von wo auch immer." Mit anderen Worten: Keine professionelle Journalistin habe ihn befragt, sondern ein hormonell verwirrtes Weibchen.

Vieles spricht dafür, dass Fox nun Trump fallen lässt, um die eigene Marke zu schützen

Anders als bei Trumps früheren Beleidigungen reagieren viele konservative Konkurrenten schnell und eindeutig. "Mister Trump, dies ist nicht zu entschuldigen", schrieb Carly Fiorina bei Twitter. Jeb Bush warf ihm vor, alle Amerikanerinnen beleidigt zu haben - und das Land zu spalten. Auch Scott Walker, John Kasich, Rick Perry und Lindsey Graham distanzierten sich.

Dass die Rivalen so schnell reagieren, liegt auch an der Popularität des Ziels von Trumps Sexismus-Attacke: Megyn Kelly ist alles andere als ein "journalistisches Leichtgewicht", wie Trump bei CNN ätzte. Die 44-Jährige moderiert mit The Kelly File nicht nur eine sehr erfolgreiche Sendung beim extrem profitablen Kabelsender Fox News, sondern legt sich regelmäßig mit Spitzenpolitikern an. Sie führte im Mai das Interview, in dem Jeb Bush nicht klar sagen konnte, ob er denn wie sein Bruder in den Irak-Krieg gezogen wäre oder nicht. Und dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney sagte sie ins Gesicht: "Sir, Sie lagen so oft falsch, wenn es um den Irak-Krieg ging."

Anders als viele Fox-News-Moderatoren ist die Juristin stets bestens vorbereitet: Sie lässt ihre - fast immer männlichen und konservativen - Studiogäste auch nicht mit Standardargumenten wie "Obama ist an allem schuld, und niedrige Steuern lösen alle Probleme" durchkommen, sondern fragt unerbittlich nach.

Rupert Murdoch hält nichts von Trumps Ambitionen fürs Weiße Haus

Der nun auf allen Kanälen ausgetragene Streit legt auch das schwierige Verhältnis zwischen drei alten, mächtigen Männern offen. Rupert Murdoch, Eigner der Fox-Gruppe, sieht Trumps präsidiale Ambitionen viel kritischer als Roger Ailes, der Gründer von Fox News. Via Twitter lobte der 84-jährige Murdoch die Moderatoren der TV-Debatte - neben Kelly waren dies Bret Baier und Chris Wallace - als "exzellente Journalisten". Sein "Freund Donald" müsse eben lernen, wie man sich in der Öffentlichkeit verhalten müsse. Schon im Juli hatte ein Leitartikel im Wall Street Journal, ebenfalls Teil des Murdoch-Imperiums, Trump als "Katastrophe" bezeichnet.

Bis Anfang August hielt der 75-jährige Roger Ailes seine schützende Hand über Trump. Im Juni und Juli hatte Fox News über keinen Kandidaten mehr berichtet als über Trump und zu dessen Höhenflug in den Umfragen beigetragen. Vor der TV-Debatte in Cleveland habe sich Ailes im engsten Kreise beraten, wie sich folgendes Horrorszenario verhindern lasse: Dass der unberechenbare Trump das Forum nutze, um das Publikum gegen die drei populärsten Fox-News-Moderatoren aufzuhetzen.

Deswegen, so der bestens vernetzte Medienjournalist Gabriel Sherman, habe sich Senderchef Ailes nun von Trump abgewendet. Dies würde erklären, wieso Moderator Baier zu Beginn der Debatte fragte, welcher der Bewerber nicht versprechen könne, am Ende vielleicht nicht doch als Unabhängiger anzutreten. Dies war klar auf Trump gemünzt - als dieser eine solche Kandidatur nicht explizit ausschließen wollte, quittierte das Publikum das mit Pfiffen. Vieles spricht also dafür, dass Fox News bereit ist, Trump fallen zu lassen, um die eigene Marke zu schützen. Konkurrenz von CNN oder dem liberalen MSNBC muss Fox News zwar nicht fürchten: Nur der Sportkanal ESPN ist im US-Kabelbasisdienst erfolgreicher. Aber mit der 44 Jahre alten Megyn Kelly, die das neue Gesicht des Senders werden soll, will Roger Ailes jüngere Zielgruppen ansprechen.

Seit September 2013 läuft The Kelly File von Montag bis Freitag um 21 Uhr - also direkt nach dem Klassiker O'Reilly Factor. Kelly soll jene Leute an Ailes' Sender binden, die als "Fox News Independents" gelten - also Amerikaner, die eigentlich konservativ denken und momentan von Hardcore-Ideologen des Senders abgeschreckt werden. Der Plan geht auf: Unter den 25- bis 54-Jährigen liegt Kelly File bereits ganz vorn.

Auf die sexistische Attacke gegen sie hat Kelly bisher nicht öffentlich reagiert - sie lässt andere darüber spekulieren, ob diese Entgleisung nun dazu führt, dass sich die konservativen Wähler vom Alleinunterhalter Trump abwenden. Die Lage ist schwierig für ihn: Wegen des Skandals hat Roger Stone, Trumps bislang wichtigster Politberater, die Zusammenarbeit aufgekündigt. Dass ihn der einflussreiche Blogger Erick Erickson wegen der Beleidigung von einer Aktivisten-Konferenz auslud, kommentierte Trump auf seine typische Art: Er bezeichnete Erickson als "totalen Versager". Eine Entschuldigung ist Trump bisher nicht über die Lippen gekommen. In diversen Sonntagstalkshows klagte er darüber, falsch verstanden worden zu sein. Offenbar verhandelt er gerade mit Fox News darüber, in welcher Sendung er dort bald auftritt. Dann dürfte sich zeigen, ob er bereit ist, zurückzurudern - oder ob der konservative Sender ihn endgültig abweist.

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SZ vom 10.08.2015/mati
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