Süddeutsche Zeitung

Skandal-Fotograf Toscani:"Die lächerliche Seite Guttenbergs"

Lesezeit: 3 min

"Alles ist inszeniert": Der Skandal-Fotograf Oliviero Toscani über Verteidigungsminister Guttenberg im Kriegsgebiet, die Macht der Bilder - und was die Arbeit eines guten Fotografen ausmacht.

L. Jakat

Der Fotograf Oliviero Toscani wurde als Provokateur bekannt, als er in den achtziger und neunziger Jahren für Benetton mit ölverschmierten Pelikanen warb, mit ausgemergelten Aids-Kranken und den Kleidern eines gefallenen Soldaten. Später provozierte er mit Werbekampagnen, die Homosexualität und Magersucht thematisierten. Derzeit arbeitet er am Aufbau eines Forschungsinstituts für Kommunikation in der Toskana.

sueddeutsche.de: Signore Toscani, zeigen Fotos die Welt wie sie ist?

Oliviero Toscani: Für die Fotografie gibt es keinen Unterschied zwischen Bild und Wirklichkeit. Haben Sie ein Bild in Ihrem Pass? Ist das inszeniert oder real? Sie gehen in einen Passbildautomaten - und bekommen Ihr Bild. Das ist keine Inszenierung, das ist real. Ansonsten ist alles inszeniert, durch die Politik, die Geschichte, die Technologie, die Medien.

sueddeutsche.de: Die Bilder vom Afghanistan-Besuch des deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg wirken ungewöhnlich inszeniert.

Toscani: Wenn es Ihrem Verteidigungsminister gefällt, Bilder zu inszenieren, müssen Sie über Ihren Minister nachdenken und urteilen, nicht über das Bild. Wenn er zu der Art Politiker gehört, die inszenierte Bilder lieben, heißt das vielleicht, dass er nicht so gern die Wahrheit sagt. Er schätzt die Inszenierung, seine Politik wird zum Theater. Wenn sich Ihr Verteidigungsminister nicht sicher ist, was er ist, dann gefällt ihm, es zu inszenieren, was er nicht ist.

sueddeutsche.de: Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie er sich darstellt?

Toscani: Alle Politiker möchten so aussehen. Ich finde das nicht ungewöhnlich. Die Inszenierung gibt mir die Möglichkeit, ihn zu beurteilen. Die Fotografie hat die lächerliche Seite des Verteidigungsministers preisgegeben. Ich glaube nicht, dass er besonders schlau ist, wenn er sich so darstellt. Man kann in die Kamera lächeln oder eine Grimasse schneiden - beide Inszenierungen sind real. Aber jeder muss selbst wissen, wie er aussehen will.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielen Fotografen bei der Inszenierung?

Toscani: Wir bestimmen das historische Gedächtnis der Menschen. So wie wir Menschen, Orte und Handlungen fotografieren, so wird man sich an sie erinnern. Ich weiß nicht, warum Fotografen so tun sollten, als gäbe es eine Realität.

sueddeutsche.de: Sind sich Fotografen dieses Einflusses bewusst?

Toscani: Sie sollten sich häufiger darüber Gedanken machen. Alles ist Inszenierung, weil die Realität inszeniert ist. Inszenierung ist die Arbeit eines guten Fotografen. Weil man eine Meinung darstellen will, einen Standpunkt vertreten, ein politisches Statement abgeben. Es gibt kein objektives Foto. Je besser es inszeniert ist, desto genauer weiß der Fotograf, was er zeigen will. Glauben Sie, dass es vom Marienplatz zwei exakt gleiche Bilder gibt? Wenn es nur eine Realität gibt, welche ist dann real?

sueddeutsche.de: Welches Bild gibt dann die Wirklichkeit am besten wieder?

Toscani: Das beste Bild ist wahrscheinlich Ihr Passbild. Darauf mögen Sie sich nicht, Sie erkennen alle Ihre Fehler. Sie wollen anders aussehen, denn Sie lieben sich nicht so wie Sie sind.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum ein Ei schwieriger abzubilden ist als der Krieg.

"Er muss so aussehen, wie ich über ihn denke"

sueddeutsche.de: Sie sagten einmal, Sie würden gerne eine Tageszeitung gründen. Welches Bild käme dann auf die Titelseite?

Toscani: Ich hätte eine Gruppe Redakteure, die den ganzen Tag lang nichts anderes tun würden, als Bilder zu editieren. Deswegen kann ich nicht sagen, was für ein Bild es sein würde. Aber es würde ein Bild sein, das Emotionen auslöst und überrascht.

sueddeutsche.de: Ist es das, was ein gutes Pressebild ausmacht?

Toscani: August Sander war meiner Meinung nach der beste Pressefotograf. Er inszenierte seine Motive: Er stellte die Menschen auf die Straße, in ihre Häuser und fotografierte sie. Er inszenierte eine Realität, er dokumentierte Deutschland.

sueddeutsche.de: Dokumentieren - steht das nicht im Gegensatz zu Inszenieren?

Toscani: Alles ist Dokumentation und Inszenierung zugleich. Erst wird inszeniert und die Inszenierung dann dokumentiert. Wenn ich ein Flugzeug mit einer Atombombe an Bord nehme, damit über München fliege, die Bombe abwerfe und anschließend die Stadt fotografiere: Ist das Inszenierung oder Realität?

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt Inszenierung in Kriegsgebieten?

Toscani: Ein Pressefotograf geht in den Krieg, fotografiert das Desaster von Leben, Tod und Blut. Seine Arbeit ist viel leichter, als ein Ei auf weißem Grund zu fotografieren. Denn dort ist alles schon "gemacht", alles inszeniert. Das ist einfach. Aber wenn man es selbst machen muss, selbst das inszenieren muss, was die condition humaine ausmacht, ist das sehr schwierig.

sueddeutsche.de: Wie würden Sie einen Politiker fotografieren?

Toscani: Es kommt darauf an, wen ich fotografiere. Ich muss ihn so aussehen lassen, wie ich über ihn denke. Wenn er ein Idiot ist, würde ich ein Bild von ihm machen, das ihn als Idioten zeigt. Berlusconi wird aussehen wie ein Idiot - so wie ich das für den Stern gemacht habe. Obama wahrscheinlich nicht. Er würde aussehen wie ein attraktiver Mann, klug und mit einigem Mut. Das ist meine persönliche Interpretation. Das ist genau das, was Fotografen tun sollten.

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