Simpsons Stimmbruch

Harry Shearer sprach im Lauf der Jahre rund hundert Charaktere in der Serie. Nun verlässt er die "Simpsons" und keiner weiß, wie es ohne ihn wird.

Von David Denk

Als die Schauspielerin Elisabeth Volkmann im Jahr 2006 starb, war das längst nicht nur, aber insbesondere für alle Simpsons-Fans ein Verlust, hatte Volkmann doch seit 1991 Marge Simpson und deren kettenrauchenden Zwillingsschwestern Patty und Selma als deutsche Synchronsprecherin ihre Stimme geliehen. In solchen Momenten fällt ausnahmsweise auf, welchen Anteil das ansonsten unsichtbare Handwerk in den Synchronstudios am Erfolg ausländischer Fernsehserien in Deutschland hat, wie sehr der deutsche Zuschauer Marge Simpson eben nicht nur über ihre blaue Turmfrisur identifiziert, sondern auch über Volkmanns markante dunkle Stimme. Oder besser: identifizierte. Denn mittlerweile hat er sich natürlich längst an ihre Nachfolgerin Anke Engelke gewöhnt, die Annäherung aber begann mit einem Gefühl des Fremdelns: Die Vertrautheit war weg, plötzlich fehlte ein Teil der Figur, ja war unwiederbringlich verschwunden.

Einen ähnlichen Verlust haben englischsprachige Simpsons-Fans (und jene, die sich nie mit der deutschen Synchronfassung anfreunden konnten) aktuell zu beklagen: Harry Shearer ist zwar nicht gestorben, als Sprecher der Zeichentrickserie aber ausgeschieden, wie der 71-Jährige am Donnerstag via Twitter verbreitete. "Von (Produzent) James L. Brooks Anwalt: 'Die Show wird weitergehen, aber ohne Harry, wünsche ihm alles Gute.'" Showrunner Al Jean bestätigte dies später gegenüber CNN und machte damit letzte Hoffnungen auf eine Einigung zunichte.

Shearer hat im Laufe der mehr als 25-jährigen Geschichte des Formats insgesamt rund hundert Charaktere gesprochen, zu den bekanntesten gehören Fiesling Montgomery Burns, Gutmensch Ned Flanders und Journalistendarsteller Kent Brockman. Nach 26 Staffeln und mehr als 560 Episoden ist nun Schluss - Medienberichten zufolge war Shearer unzufrieden mit den Werbe- und Nebentätigkeitsklauseln seines Vertrags. Für die Arbeit an der Anfang Mai von Fox bestellten 27. und 28. Staffel sollen ihm 14 Millionen Dollar geboten worden sein, doch offenbar gestanden ihm die Produzenten nicht wie bisher zu, mit seiner Stimme auch außerhalb der Simpsons Geld zu verdienen, ihre Popularität zu versilbern. Insgesamt soll es, das besagten zumindest jüngste Gerüchte, zwischen Shearer und den Simpsons-Bossen nicht mehr richtig gestimmt haben.

Sein Ausscheiden ist ein beispielloser Einschnitt für die Serie: In der Originalversion der Simpsons wurden Sprecher bislang nie ersetzt. Schied ein Schauspieler aus, verschwanden auch seine Figuren. Bei der Menge an handlungsprägenden Charakteren - Shearer sprach etwa auch Schuldirektor Skinner, Schulbusfahrer Otto und Pfarrer Lovejoy - sind die Verantwortlichen nun gezwungen, von ihrer eigenen Regel abzuweichen. Es wird also neue Stimmen geben, mit denen die Fans zunächst fremdeln, an die sie sich dann doch gewöhnen und die sie schließlich nicht mehr missen mögen.