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Sibel Kekilli:"Weltoffenheit und Tradition stehen sich leider irgendwie im Weg"

Sie wollen also selbst in Zukunft auch schreiben?

Ja, gerne, warum nicht. Ich hab nur noch nicht den passenden Co-Autor dafür gefunden, damit man gemeinsam überlegen kann, was man wie umsetzen kann.

Worüber würden Sie denn ein Drehbuch schreiben?

Das verrate ich nicht!

Zurück zur Serie: Da stehen zwei Frauen im Vordergrund, die beide ihre Identität verschleiern. Sie spielen die Rolle einer Frau, die auch nur eine Rolle spielt.

Und das finde ich auch so interessant an ihr. Beide Frauen, nicht nur die von mir gespielte Madina Taburova, sondern auch Mari Saari, eine Undercoveragentin, sind ja irgendwie auf Identitätssuche. Und diese Identitätssuche war der Punkt für mich: Ich glaube, dass Identitätssuche nichts ist, was aufhört, sondern, dass viele Menschen immer wieder auf der Suche sind und mit sich hadern. Phasenweise. Vielleicht auch das ganze Leben lang.

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Sprechen Sie da auch von sich?

Ich denke, das gilt allgemein. Und ja, natürlich bin auch ich durch meine deutsch-türkische Kultur immer wieder auf Identitätssuche.

Kann man traditionsbewusst und trotzdem weltoffen sein?

Ich denke, Weltoffenheit und Tradition stehen sich leider irgendwie im Weg. Aber das gilt für jede Kultur.

Sie engagieren sich für Gleichberechtigung, zum Beispiel bei Terre des Femmes, für das Frauennetzwerk Unidas sind Sie mit Heiko Maas nach Südamerika gereist. Wie gerecht ist Deutschland?

Ich glaube, es gibt keine Gleichberechtigung für Frauen, das beziehe ich aber nicht nur auf Deutschland. Als ich dieses Jahr nach Mexiko gefahren bin, habe ich erfahren, dass dort alle drei Minuten eine Frau vergewaltigt wird. Wegen der Korruption werden die meisten Fälle gar nicht erst zur Anzeige gebracht. In dem einem Land gibt es mehr Gleichberechtigung, in einem anderen Land weniger. Ich bin froh, dass ich hier in Deutschland aufgewachsen bin, und dass ich viele Freiheiten genieße. Aber zu 100 Prozent gerecht? Ist es auch hier nicht.

Erleben Sie das auch im Beruf?

Ja, das fängt schon bei Rollenangeboten an. Ich meine das ganz nüchtern, nicht böswillig: Schauen Sie sich mal an, was im Fernsehen läuft: Es gibt zum Beispiel eine Buddykultur, sowohl auf, als auch hinter dem Bildschirm. Zwei, drei Kumpels tun sich zusammen und schreiben eine Serie über zwei, drei Kumpels. Das gibt es bei Frauen einfach nicht. Vor Kurzem habe ich darüber mit einer Kollegin gesprochen: Gibt es hier Frauenfreundschaften in Film und Fernsehen, mit denen ich mich identifizieren kann? Nein, da fällt einem dann nur Sex and the City ein.

Sie bekommen immer wieder Hassmails und Morddrohungen. Sind die mehr geworden, seit Sie sich politisch engagieren?

Nein, das ist immer gleich viel. Drohungen und Mails gibt es seit Gegen die Wand. Natürlich kriegt man das inzwischen durch die sozialen Medien unmittelbarer mehr mit, die Beschimpfungen sind anonym und dadurch schneller passiert. Die Menschen erklären das dann mit Meinungsfreiheit. Aber Hass und Meinungsfreiheit haben nichts miteinander zu tun.

Sie haben vorher angesprochen, dass Sie an Ihrer Rolle als Madina Taburova reizte, dass sie keine schwarz-weiß gezeichnete Figur ist. Haben Sie das Gefühl, wir verlernen das Denken in Grautönen?

Auf jeden Fall. Es ist ja viel anstrengender, Grautöne zu sehen. Das würde heißen, dass man Verständnis aufbringen muss, für Menschen oder Themen, mit denen man sich nicht so auskennt. Und Verständnis aufbringen, das ist immer aufwendig. Es ist viel einfacher, schwarz-weiß zu denken, und es tut nicht so weh. Verurteilen ist leichter, als sich mit dem Gegenüber zu beschäftigen, auch mit dem, was hinter einer Haltung steckt, mit Schmerz, den man vielleicht noch nicht verstehen kann.

Im vergangen Jahr schrieben Sie in einem Gastbeitrag in der Zeit, "Ich bin für die Türken zu deutsch, für die Deutschen nicht deutsch genug." Wie viel Rassismus erleben Sie im Alltag?

Jeden zweiten oder dritten Tag passiert irgendwas. Das können Kleinigkeiten sein.

Ein aktuelles Beispiel?

Ich hatte erst kürzlich mit einem anderen Journalisten ein Interview. Da habe ich das Thema türkische Kultur nicht, wie jetzt, von mir aus angesprochen. Trotzdem ging es dann fast nur um das eine Thema, von meiner Arbeit wollte der Journalist kaum etwas wissen. Das empfinde ich als Alltagsrassismus, das kann dann auch niemand mit "Neugier" entschuldigen. Man fragt doch auch einen deutsch-amerikanischen Schauspieler nicht ständig nach Trump, oder einen deutsch-russischen Schauspieler nicht die ganze Zeit über Russland. Wenn mich jemand fragt, "Und, warst du mal wieder in deiner Heimat?", dann ist das für mich rassistisch.

Verletzt Sie das noch?

Mich ärgert das eher. Ob mich diese Anmerkungen verletzen, oder nicht, ist meine Entscheidung. Ich habe mich entschlossen, dem anderen diese Macht gar nicht erst zu geben. Wenn man das nicht selbst erlebt, kann man das nur schwer nachvollziehen. Dann heißt es: "Was bist du denn so empfindlich? Das ist doch nur ein Spruch." Aber die Leute machen sich keine Gedanken. Das ist so, wie wenn man einem Mann erklären möchte, "Du, als Frau kannst du bestimmte Dinge einfach nicht so machen wie als Mann". Zum Beispiel verreist ein Mann alleine anders, als eine Frau, die alleine verreist. Wissen Sie, was ich meine?

Klar.

Das versteht aber ein Mann nicht. Ein Mann denkt sich nicht: "Kann ich mit 15 Leuten alleine in einem Raum schlafen, die ich nicht kenne? Oder in einem abgelegenen Ort in Indien in einem Hotel übernachten?" Man ist als Frau auf Reisen alleine einfach wesentlich vorsichtiger. Das ist schade, aber das ist so. Natürlich gibt es Männer, die das auch verstehen, aber viele andere eben nicht, weil sie das noch nie erlebt haben.

Bullets. RTL Crime und TV NOW, ab Dienstag, 20.15 Uhr.

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