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"Shitstorm" gegen ProSieben-Magazin:Zu viele Patzer bei "Galileo"

Es geht um die größte Bulette und Fakten zur Selbstbefriedigung. Die ProSieben-Sendung "Galileo" nennt sich "Wissensmagazin", doch erntet mit dieser Selbsteinschätzung inzwischen Widerspruch. Auf der Facebookseite der Sendung holte ein Zuschauer zum Rundumschlag aus - und entfachte eine hitzige Debatte.

Klänge einer Maultrommel, rhythmische Laute, Kameraschwenk über eine Großstadt. "Stellen Sie sich vor, sie sind auf einem fremden Kontinent", sagt eine dunkle Männerstimme aus dem Off - "in einem gefährlichen Land". Beim Wort gefährlich lässt sie das "r" rollen. Kurzer Schauder. Der Fernsehbeitrag entführt den Zuschauer in Kolumbiens Hauptstadt. Dass sie Bogotá heißt, wird vorerst nicht erwähnt, dafür, was einen hier erwartet: Grüne Felsblöcke, Käseschokolade, "Schnaps aus Spucke" und ein deutscher Bierbrauer, der von den Kolumbianern verehrt wird.

Galileo-Moderator Aiman Abdallah. Wo liegt Kolumbien und was ist der Mond?

(Foto: ProSieben)

Die Sendung des ProSieben-Magazins "Galileo" ist ansprechend und handwerklich gut gemacht. Das Problem? Inhaltliche Fehler. Die fangen schon bei den Grundlagen an, der Geographie. Der Beitrag beginnt mit einer Straßenumfrage in Deutschland. Wo denn Kolumbien nun liege? Ratlosigkeit. Dann die Aufklärung durch eine Grafik: Das Land grenze an das karibische Meer und im Westen an den atlantischen Ozean. Tatsächlich liegt Kolumbien im Nordwesten Südamerikas und grenzt im Westen an den Pazifik. Bei der Online-Version der Sendung wurde der Patzer nachträglich ausgebessert.

Bereits in der Vergangenheit fiel "Galileo" immer wieder durch falsche Tatsachenbehauptungen auf. Im Jahr 2010 wurde im Zuge des "Grundschulwissenstest" beispielsweise erklärt, dass die Nadel eines Kompasses auf die "riesigen Eisenvorkommen" am Nordpol reagieren werde, "sofern sie magnetisch ist".

Es wurde auch schon behauptet, dass der Mond ein Planet sei, man CDs nur von innen nach außen säubern dürfte, um eine Verschiebung der Daten zu vermeiden und dass die Farbe des Hühnereis auf das Gefieder des brütenden Huhns zurückzuführen sei. Doch so peinlich diese Fehler sind, das eigentliche Problem liegt woanders. Es geht um die Frage, was Galileo eigentlich sein soll: Geht es hier um Wissen oder um als Wissen verpackten Mumpitz? Darüber wird, jetzt, fünf Monate nach der Pazifik-Atlantik-Verwechslung, auf Facebook heftig gestritten.

Auslöser des Streits war ein Hamburger Schüler, der seiner Wut über die Sendung auf der offiziellen Facebook-Fanseite von "Galileo" freien Lauf ließ und damit den Nerv der Zuschauer traf - er löste einen Shitstorm aus. In seinem rüden und im Ton inakzeptablen Rundumschlag ("man sollte euch wegen organisierter Verdummung einlochen") beklagte er sich über die schlechte Recherche und falsche Fakten. Damit stieß er bei fast 100.000 Facebook-Usern auf Zustimmung - sie alle drückten den "Gefällt mir"-Button.

"Galileo" wird seit 1998 im Vorabendprogramm von ProSieben ausgestrahlt und gilt intern offenbar als Bildungs-Flaggschiff. In einem Folder schreibt die Redaktion der mittlerweile täglich gezeigten Sendung über sich selbst: "Dank 'Galileo' gilt ProSieben als der Sender mit der größten Wissenskompetenz."

Unterhaltung geht vor

Immer wiederkehrende Fixpunkte sind etwa "Jumbo", ein Übergewichtiger, der in seinen "XXL-Tests" beispielsweise die größte Bulette sucht und isst, der "Fake-Check" in dem populäre Internetvideos ("Menschenkatapulte, Tsunami-Surfing, unglaubliche Würfeltricks - Wahrheit oder geschickte Fälschung?") auf ihre Echtheit geprüft werden und hübsche Blondinen (zumeist: "Studentinnen"), die irgendwas testen.

Dass es nicht um die Berichterstattung über aktuell diskutierte Themen des Wissenschaftsbetriebes geht, ist klar, aber ist die Sendung, wie in der Eigenbeschreibung behauptet, überhaupt ein "Wissensmagazin"? Momentan befasst sich "Galileo" mit den "Top 7 Sex-Mythen", der Last-Minute-Rettung für die Gartenparty, einen Mensch mit übernatürlichen Kräften, weil er Kleinwägen auf dem Kopf balanciert und "9 Fakten über Selbstbefriedigung".

Bezüglich des Shitstorms bei Facebook nimmt ProSieben für sich in Anspruch, dass der Auslöser der Empörungswelle sein Posting inzwischen aus eigenem Antrieb gelöscht habe. Das "Galileo"-Team veröffentlichte eine Stellungnahme, in der auf die 1,2 Millionen Facebook-Fans, den Erfolg der Sendung und die Bereitschaft der Redaktion zu Selbstkritik hingewiesen wird, aber auch darauf, dass man sich Beleidigungen nicht gefallen lassen möchte. Auf Nachfrage, ob denn durch die große Aufregung aus den Reihen der Zuschauer Veränderungen geplant seien, kam allerdings eine Standardantwort: Die Redaktion würde sich ständig weiterentwickeln.

Objektiv betrachtet, ist es nicht die Aufgabe von ProSieben, eine Wissenssendung zu produzieren, die nur eine kleine Zielgruppe hätte. Denn das Privatfernsehen unterliegt keinem Programmauftrag. Die Anbieter sind an die Werbeindustrie gebunden und müssen deshalb versuchen, möglichst hohe Einschaltquoten zu erzielen. Am einfachsten funktioniert das über ein stark unterhaltungsorientiertes Programm, weniger über trocken wissenschaftliche und andere Nischenthemen.

Das zeigt der Vergleich von Marktanteilen deutlich. In diesen Tagen, die durch die Olympia-Berichterstattung beeinflusst werden, kommt "Galileo" auf eine Einschalt-Quote von 8,5 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe der 14 bis 49-Jährigen. Die ARD-Wissenschaftssendung "W wie Wissen" musste sich hingegen mit einer Quote von 3,4 Prozent begnügen.

Man kann "Galileo" als Humbug abtun oder sich mit Halbwissen unterhalten lassen. Fakt ist, dass das Format eher ein Infotainment-Magazin ist als eine Wissenssendung - doch damit erfüllt es seinen Auftrag: starke Quote, Erfolg bei jungen Menschen. Insgesamt verfolgen im Schnitt 1,68 Millionen Zuschauer die Sendung.

Am Ende des "Galileo"-Beitrags über Kolumbien wird über den dortigen Nationalsport "Tejo" berichtet, bei dem versucht wird, mit einer Metallscheibe eine Lehmplatte zu treffen, in die eine mit Schwarzpulver gefüllte Papiertasche eingearbeitet wurde. Der Sprecher sagt, man benötige dafür "viel Bier und die richtige Haltung". Vermutlich ist das auch das Rezept, die Sendung zu genießen.

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