Nahost:Es bleiben nur Entsetzen und Empörung

Lesezeit: 3 min

Nahost: Würdelose Szenen beim Trauerzug für Shireen Abu Akleh: Israelische Einsatzkräfte gehen mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Trauernden vor.

Würdelose Szenen beim Trauerzug für Shireen Abu Akleh: Israelische Einsatzkräfte gehen mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Trauernden vor.

(Foto: Maya Levin/AP)

Von Tunis bis Amman trauern Menschen um die getötete Reporterin Shireen Abu Akleh. Sie stand für eine neue Art des Live-Journalismus in der arabischen Welt. Beim Trauerzug in Jerusalem gehen Einsatzkräfte heftig gegen die Trauernden vor.

Von Dunja Ramadan

"Shireen Abu Akleh, Al Jazeera, Ramallah, Palästina": Die Schlussworte, die die vor wenigen Tagen getötete Journalistin am Ende jeder Liveschaltung mit ruhiger, dunkler Stimme aufsagte, prägten ganze Generationen arabischer Fernsehzuschauer. Vor allem junge Frauen fanden in der palästinensisch-amerikanischen Reporterin ein journalistisches Vorbild. Am Mittwochmorgen wurde die 51-Jährige in der palästinensischen Stadt Dschenin durch eine Kugel getötet, als sie über einen Einsatz der israelischen Armee berichtete.

Zunächst machte diese palästinensische Schützen für den Tod verantwortlich. Israels Generalstabschef Aviv Kochavi nahm diese Behauptung zwischenzeitlich aber wieder zurück. Gegenwärtig könne man nicht festlegen, welche Seite für die tödlichen Schüsse verantwortlich sei, teilte er später mit und kündigte eine Untersuchung an.

Nach Aussagen von Kolleginnen und Kollegen Abu Aklehs, die vor Ort waren, haben israelische Scharfschützen auf eine Gruppe Reporter geschossen. Es gibt Videoaufnahmen, die zwei Journalistinnen zeigen, die trotz Presse-Warnweste und Helm am Straßenrand unter Beschuss gerieten. Shireen Abu Akleh liegt regungslos auf dem Boden. Wenige Meter daneben kauert eine junge Kollegin in Panik. Ein weiterer Kollege, Ali Samoudi, wurde in den Rücken getroffen. Minutenlang konnte keiner zu Hilfe eilen, weil der Kugelhagel anhielt.

Seitdem herrscht in der arabischen Welt großes Entsetzen. Von Amman bis Tunis war Shireen Abu Akleh bekannt - und überall kamen nun Menschen zu Trauerkundgebungen zusammen. Am Freitagnachmittag fand ihre Trauerfeier in einer Kirche in Jerusalem statt, Abu Akleh soll auf dem Berg-Zion-Friedhof neben ihren Eltern beigesetzt werden. Als der Trauerzug zuvor das Krankenhaus in Ost-Jerusalem verließ, wo der Leichnam der Journalistin aufbewahrt wurde, kam es zu würdelosen Szenen: Videos zeigen, wie israelische Einsatzkräfte mit Schlagstöcken und Tränengas gegen den Trauerzug vorgehen, bis der Sarg den Trägern entgleitet und fast zu Boden stürzt.

Selbst Kritiker ihres Senders bewunderten Abu Akleh als mutige Journalistin

Die Christin aus Bethlehem studierte Architektur, dann in Jordanien Journalismus - und berichtete anschließend seit 1997 aus den besetzten palästinensischen Gebieten. Bald galt sie als Ikone, die dem palästinensischen Volk eine Stimme gibt, vor allem ihre Berichte aus der Zweiten Intifada machten sie berühmt. Erst kürzlich sprach sie über ihr Selbstverständnis: "Ich habe mich für den Journalismus entschieden, um nah bei den Menschen zu sein. Es mag nicht einfach sein, die Realität zu ändern, aber zumindest konnte ich ihre Stimme in die Welt tragen."

Nahost: Shireen Abu Akleh bei der Arbeit - sie berichtete seit 1997 für Al Jazeera.

Shireen Abu Akleh bei der Arbeit - sie berichtete seit 1997 für Al Jazeera.

(Foto: AP/AP)

Selbst Kritiker von Al Jazeera haben Abu Akleh als mutige und eloquente Journalistin erlebt. Der Sender wurde 1996 vom damaligen katarischen Staatsoberhaupt Hamad bin Chalifa Al Thani als erster transnationaler arabischer Nachrichtensender in Doha gegründet. Heute steht er in der Kritik, weil er sich in der Folge des sogenannten Arabischen Frühlings zunehmend auf die Seite der Muslimbrüder geschlagen haben soll. Als Abu Akleh beim Sender anfing, galt Al Jazeera aus anderen Gründen als revolutionär: Als erster Sender der arabischen Welt bot er durchgängige Live-Formate, produziert mit hoher journalistischer Professionalität.

Eine enge Freundin von Akleh, die sie seit 15 Jahren kennt, beschreibt sie im Gespräch mit der SZ als sehr vorsichtig und erfahren. Sie gab regelmäßig Sicherheitstrainings für palästinensische Journalisten, vor jedem Einsatz habe sie gebetet, dass Gott sie und ihre Kollegen schütze. "Sie wusste, dass ihr Job gefährlich ist. Sie hat immer ihren Helm und ihre Weste getragen", sagt die Frau, die ihren Namen aus beruflichen Gründen nicht nennen möchte. "Shireen hat immer hundert Dinge gleichzeitig gemacht, aber sie blieb dabei immer bodenständig. Sie ist gerne viel gereist, war Junggesellin und hat das Leben geliebt."

"Immer ruhig und mit tadellosem Arabisch"

In den sozialen Netzwerken teilen Menschen unterdessen ihre Erinnerungen an die Journalistin. Eine junge Frau namens Mariam Enany schreibt: "Als Kind sagte ich einmal meiner Familie, dass ich Journalistin werden wollte und mein Großvater sagte: 'Ich würde dich gerne im Fernsehen sehen wie Shireen Abu Akleh. Du musst so gut sein wie sie: immer ruhig und mit tadellosem Arabisch.'"

Nahost: Ein Name im Sand: Trauer um Shireen Abu Akleh am Strand von Gaza.

Ein Name im Sand: Trauer um Shireen Abu Akleh am Strand von Gaza.

(Foto: MOHAMMED SALEM/REUTERS)

Ayman Mohyeldin vom US-Sender MSNBC arbeitete lange mit Shireen Abu Akleh zusammen. Im Gespräch mit Al Jazeera English beschreibt er sie als "unglaubliche Mentorin", als Freundin, die immer ein Lächeln im Gesicht hatte. Wie viele andere Journalistinnen und Journalisten plädiert er nun für eine Untersuchung von unabhängiger Stelle, immerhin sei Abu Akleh auch US-Bürgerin gewesen: "Die Ermordung von Journalisten, sei es in Mexiko oder der Ukraine oder den besetzten palästinensischen Gebieten, muss verurteilt und untersucht werden - (...) von unabhängigen Stellen, die die Meinungsfreiheit und das Recht auf eine freie Presse als grundlegende Menschenrechte wahren."

Auch Reporter ohne Grenzen (ROG), das Lateinische Patriarchat von Jerusalem und die EU fordern eine unabhängige Aufklärung der Todesumstände. Die Ankündigung von Israels Außenministers Jair Lapid, sein Land werde an einer gemeinsamen Untersuchung teilnehmen, reiche nicht aus, kritisierte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas kündigte an, sich an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu wenden, eine gemeinsame Untersuchung mit Israel lehnte er ab.

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