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"Sherlock" in der ARD:Rationaler Romantiker

Auch wenn er immer wieder mal allein sein und nachdenken will: Nicht grübelnde Versenkung, sondern rastloses Multitasking ist es, was der Sherlock der Gegenwart der Welt des Bösen entgegenzusetzen hat. Benedict Cumberbatch spielt ihn wieder großartig als anämischen Snob, als hypernervösen Außenseiter, der in seinem Belstaff-Mantel und seinem postviktorianischen Paul-Smith-Outfit die unterhaltsamsten und die riskantesten Seiten des britischen Elitismus verkörpert.

Sherlock, hungrig nach Anerkennung, aber unfähig zur Liebe, spielt daheim, in der WG in der Baker Street, die Violine, beherrscht aber auch die schwierigsten Instrumente der digitalen Ära mit klassischem Scharfsinn. Mal ist er ein düsterer Wanderer über dem Nebelmeer, mal ein kindischer Techie. Ein hoffnungsloser Romantiker der Rationalität. Es ist gut, wenn auch keine letzte Sicherheitsgarantie, dass ihm wieder der bodenständigere Afghanistan-Veteran Dr. Watson zur Seite steht, gespielt vom früheren The Office-Mitarbeiter Martin Freeman. Beide, Cumberbatch und Freeman, haben übrigens parallel zu Sherlock an den Dreharbeiten zu Peter Jacksons neuem Hobbit-Film mitgewirkt, der Ende des Jahres in die Kinos kommt.

An den Grenzen der Vernunft

Im "Skandal in Böhmen" heißt es bei Arthur Conan Doyle einmal, Sherlock Holmes sei "die perfekteste schlussfolgernde und beobachtende Maschine, die die Welt gesehen hat" - the most perfect reasoning and observing machine that the world has seen. Doch schon als die ursprünglichen Holmes-Geschichten Ende des 19. Jahrhunderts in Serienform herauskamen, war die unbestechliche, kalte, alles beherrschende Rationalität der Moderne, mit der der Meisterdetektiv in der Großstadt seine Fälle löst, eine nostalgische Fiktion. Sigmund Freuds Psychoanalyse entstand zur gleichen Zeit, und im Alter wurde Conan Doyle, der Schöpfer der Vernunftmaschine, selbst ein Prophet des Spiritualismus.

Und so ist es heute erst recht konsequent, wenn Sherlock Holmes trotz digitaler Apparatur und wissenschaftlicher Expertise an die Grenzen der Vernunft stößt. Gerade sein genialer Witz, der Sherlock so ausnehmend lustig und kurzweilig macht, führt ihn bis in die Sphäre der eigenen Zerstörung. Es wäre ein leicht auflösbares, aber unsühnbares Verbrechen, an dieser Stelle mehr zu verraten.

"Ein Skandal in Belgravia", ARD, Donnerstag, 20.15 Uhr. Die weiteren Folgen: "Die Hunde von Baskerville", Pfingstsonntag, "Der Reichenbachfall", Pfingstmontag, jeweils 21.45 Uhr.

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© SZ vom 15.05.2012/cag
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