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"Sharp Objects" auf Sky:Wo der Schrecken Alltag ist

Die Mutter (Patricia Clarkson, links) trägt ihr Trauma in die nächste Generation, ihre Töchter (Eliza Scanlen und Amy Adams) erzieht sie zur Schwäche.

(Foto: HBO)
  • In Sharp Objects spielt Amy Adams die Reporterin Camille, die für eine Reportage in ihren Heimatort zurückkehrt.
  • Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman von "Gone Girl"-Autorin Gillian Flynn.
  • In dem vermeintlichen Idyll wurden zwei Frauen ermordet. Viel mehr geht es in der Serie aber um eine frauenfeindliche Atmosphäre, der man nur schwer entkommt.
  • Sharp Objects ist von Donnerstag an, 20.15 Uhr, auf Sky Atlantic abrufbar.

Camille packt für eine Reportage. Von St. Louis geht es in ihr Heimatstädtchen Wind Gap im US-Bundesstaat Missouri. Normalerweise gibt es nichts über diesen Ort am Ende der Welt zu sagen. Bis zwei Mädchen ermordet werden. Niemand hat darüber berichtet, und dass die Rückkehr für Camille kein Heimaturlaub wird, erkennt man bereits an ihrer Reisevorbereitung. Sorgsam zählt sie die Schnapsflaschen ab, die sie durch die Tage bringen sollen. Sie werden nicht reichen.

Kamillentee soll entspannend und schlaffördernd wirken, ein sanftes Beruhigungsmittel. Die Hauptfigur trägt zwar den Namen der Blume mit den kleinen weißen Blüten, hat jedoch ganz andere Mittel, um runterzukommen. Rezeptpflichtig ist die HBO-Serie Sharp Objects nicht, sie kommt aber mit Beipackzettel: Im Original verweist der Abspann auf Hilfsorganisationen für seelische Krankheiten, Opfer von Misshandlung und Drogenabhängige. Aus gutem Grund. Die von Regisseur Jean-Marc Vallée ( Big Little Lies) inszenierte Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Gillian Flynn, bekannt durch Gone Girl und dessen Verfilmung von David Fincher. Flynns Wahl, Camille zur Reporterin zu machen, ist ein etwas fauler Vorwand, um sie auf die Reise zu schicken. Auch über das dumme Stereotyp, dass sie mit Informanten schläft, muss man hinwegschauen. Dann aber entfaltet sich ein packender Thriller, der aus ganz anderen Gründen schockiert, als man durch die Krimi-Anordnung zunächst glauben mag.

Es ist etwas faul an Wind Gap, aber nicht nur wegen der Morde. Die scheinen das traurige Symptom eines tieferen Problems zu sein. Es ist, als hätte sich die ganze Stadt verschworen. Nach außen gibt man sich als friedliches Nest, dessen Idylle nichts stören kann. Der Mörder, das meinen Sheriff und Bewohner, wird wohl kaum von hier sein, wahrscheinlich ein Trucker auf der Durchreise. Camille weiß es besser.

Wenn der Alkohol nicht reicht, um die Nerven zu beruhigen, greift Camille zu scharfen Gegenständen

Sie ist hier schließlich aufgewachsen. Immer wieder bricht völlig unvermittelt die Vergangenheit herein. Ein Schnitt, und plötzlich sieht das Publikum Camille als Jugendliche, bevor sie nach St. Louis flüchtete. Anfangs sieht das unschuldig aus. Mädchen fahren auf den verkehrsfreien Straßen des Städtchens Rollschuh. Doch die Erinnerungsblitze werden immer mehr wie in einem Horrorfilm eingesetzt, wenn die Schatten im Augenwinkel als Monster erscheinen. Sharp Objects erinnert mitunter an Jordan Peels Thriller Get Out. Wer die ganz wunderbar spielende Amy Adams in der Rolle als Camille leiden sieht, möchte ihr zurufen, doch endlich wieder abzuhauen. In Wind Gap kursiert zwar ein Geistermärchen, eine weiße Frau lockt Kinder in den Wald, die man nie wieder sieht. Aber, so viel darf man getrost verraten, es geht hier nicht um Übernatürliches. Die Serie handelt von ganz weltlichen Traumata.

Wenn der Alkohol nicht mehr genügt, um ihre Nerven zu beruhigen, greift Camille zu den scharfen Gegenständen, ritzt sich in die Haut. Nur ab Hals, Handgelenk und Knöcheln, wo die Kleidung nichts mehr verbergen kann, hat ihr Körper keine Narben. Viel mehr noch, als dass es herauszufinden gilt, wer hinter den Morden steckt, begibt sich die Serie auf eine Suche danach, wie Camille so werden konnte. Wie Get Out eine Schauergeschichte über Alltagsrassismus ist, ist die wahre Bedrohung in Sharp Objects eine tief in der DNA von Wind Gap schlummernde Frauenfeindlichkeit. Und die geht nicht nur von den Männern aus.

Zumindest sind es nicht ausschließlich die üblichen Verdächtigen. Da ist zwar die Bretterbude im Wald, wie ein Hexenhäuschen steht sie da. Innen sind Pornobilder an die Wände tapeziert. Hierhin bringen die Footballer der Highschool Cheerleader, um sie zu vergewaltigen. Aber es wird mehr als nur eine Geschichte über sexuellen Missbrauch erzählt. In Wind Gap ist Missbrauch offizielle Stadtgeschichte. Den Gründer nennt Camille einen Pädophilen, seine Kinderbraut ihr Ur-Ur-Urgroßopfer. Deren Martyrium feiert man hier am Jahrestag mit einer Theaterinszenierung. Und dann ist da noch Camilles eigene Mutter. Als strenge Matriarchin gibt sie die Freundlichkeit in Person, doch gerade sie versetzt Camille immer wieder mit strahlendem Lächeln kaltherzig Stiche, Nebensätze, die keine Narben auf der Haut hinterlassen, aber seelische Wunden aufreißen.

Die Mutter trägt das Trauma in die nächste Generation. Ihre Töchter erzieht sie dazu, schwach und lieb zu sein. Zwei hat sie bereits verloren. Camille erst an die Psychiatrie und dann an die große Stadt, die andere an den Tod. Wie sie starb, hängt mit Camilles Selbstzerstörung zusammen und ist eines der großen Mysterien der Serie. Die dritte Tochter hat gelernt, Mama zu gefallen, zumindest solange diese hinschaut.

Der Schrecken von Sharp Objects liegt jenseits von Schockeffekten. Das Monster ist hier kein Geist, sondern die Gesellschaft. Horrorfilme personifizieren gerne abstrakte Angst in Gruselfiguren. Die mögen zwar übermächtig sein, lassen sich aber konkret bekämpfen. Die frauenfeindliche Brutalität wird man in Sharp Objects nicht so einfach los. Der Horror ist Alltag, eine soziale Struktur, die man Rape Culture nennt und die sich auch im echten Leben finden kann. Man kann den Horror nicht besiegen, indem man ihm einfach nur den Kopf abschlägt. Jeder Einzelne ist ein Teil davon und wird vorerst mit ihm leben müssen. Das ist eine Hilflosigkeit, die viel erschreckender ist, als ein Monster je sein könnte.

Sharp Objects , Sky Atlantic, 20.15 Uhr.

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