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Comedy - "Shapira Shapira":Nicht lustig

Shahak Shapira; shapira shapira

Der Comedian und Künstler Shahak Shapira hat eine neue Sendung auf ZDFneo.

(Foto: ZDF und Moritz Künster)

Shahak Shapiras neue Sendung ist ein mit- und wehleidiges Hangeln von Gag zu Gag. Bis es um psychische Probleme geht - und ihm ein persönlicher Coup gelingt.

Und dabei hatte es so gut angefangen. In den ersten Minuten seiner neuen Show sucht Shahak Shapira Rat bei Kolleginnen und Kollegen. Serdar Somuncu empfiehlt ihm, er solle in SS-Uniform auftreten. Felix Lobrecht sagt, er bräuchte eigentlich nur den richtigen Pullover, und Hazel Brugger sagt: "Ich würd's lassen", und zwar mit einer Dolchstoß-Sensibilität, dass einem Shahak Shapira leidtun kann. Schließlich kommt er doch als er selbst auf die Bühne seiner neuen Sendung Shapira Shapira und spricht über seinen Geburtstag vergangene Woche, darüber, dass er jetzt 31 Jahre alt ist und dass es seither leicht sei, über Jüngere Witze zu machen.

Der Weg zu mürben Kalauern auf Kosten einer bestimmten Gruppe wäre hier kurz, aber Shapira biegt rechtzeitig ab und erklärt einem Mann aus dem Publikum, der zehn Jahre jünger ist als er selbst, wer Christina Aguilera war. Wie sehr es einen als jungen Menschen verwirrte, dass sie eine Hose trug, die da aufhörte, wo Hosen eigentlich Sinn ergeben, und dass "Dirrrty" einfach der krasseste Scheiß war, den man weit und breit finden konnte.

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Shapira kann das so sagen, dass es lustig ist, wirklich lustig, und man möchte sich zurücklehnen und ihm zuschauen, und sich weiter fühlen, als würde man bei einer Berliner Comedy Bühne und nicht vor dem Fernseher sitzen, möchte ihm alles verzeihen, auch die hölzernen Überleitungen - es ist ja schließlich seine erste eigene Sendung.

Ein mit faden Pointen gepflasterter Weg

Aber dann kommt der erste Sketch. Das war das Konzept der Show, Sketch-Clips und Stand-Up-Comedy zusammen: "Comedy, die es so in Deutschland noch nie gab", wie ZDFneo im Vorfeld behauptet hatte, obwohl es die Mischung aus Clips und Stand-Up ja schon weit vor Christina Aguilera gab, nur halt nicht von Shahak Shapira.

Der erste Sketch also und mit ihm die Fremdscham. Wobei, weniger Fremdscham als echter Schmerz. Shapira mimt einen schmierigen Hipster-Verkäufer, der ein junges Pärchen mit vermeintlichen Vintage-Artikeln betrügt. Seine Kunden sind mit Brustbeutel, goldrandiger Brille und falschem Berliner Dialekt ausgestattet und kommen ursprünglich aus Düsseldorf. Pointe: Shapira will ihnen einen zugeschnürten Leichensack als Chaiselongue andrehen. Dann spielt Shapira den geltungssüchtigen Sohn einer Familie am Abendbrottisch, der das Coming-Out seines Bruders versaut, indem er bekanntgibt, er sei selbst schwul. Shapira verwendet sehr häufig das Wort "Schwulsex", einfach, weil der Sketch nicht lustig ist und er sich vielleicht dachte, man könnte ihn so retten.

Man kann es nicht. Im dritten Sketch tritt Shapira dann auf als "Bernd Ross" auf - Star der Reihe: "The Joy of painting Swastika". Als Bob Ross-Kopie erklärt er, wie man mit den Farben "Prussian Red" und "Aryan White" ein Hakenkreuz richtig "into the far right section of the canvas" zeichnet, aber er scheitert immer wieder daran und flippt schließlich aus. Ein Kontrast zu den hängenden und würgenden Gags zuvor. Die Idee kam Shapira, als er Graffitis fotografierte, die vermutlich Hakenkreuze sein sollten, bei denen die Sprayer dann aber doch zu blöd waren, es richtig hinzubekommen. So komisch die Bobachtung, so traurig die Tatsache, dass nicht einmal diese Idee den ellenlangen Sketch (in der vermutlich hundertsten Bob Ross-Kopie des Universums) überlebt.

Shapira ist am besten, wenn er nicht witzig sein will

Und dann der Bruch. Shapira hört auf, witzig sein zu wollen, und dadurch gewinnt die Sendung an Gewicht. Plötzlich spricht er von Traurigkeit. Seiner Traurigkeit. Im Publikum lacht jemand kurz auf, Shapira sagt, "nene, das ist kein Witz!", und man spürt, dass der Ton jetzt tatsächlich kippt. "Es ist immer eine Überlegung als Künstler: Wie viel will man von sich preisgeben?", sagt Shapira. "Und ich hab mir gedacht: Hey, warum nicht alles?" Dann zeigt er echte Mitschnitte aus einer echten Psychotherapie, in der Shapira, der Patient, nicht Shapira, der Comedian, auf der Couch sitzt.

"Nichts, was ich mache, macht mich glücklich," hört man ihn sagen. Er erzählt davon, dass er schon einmal versucht hat, Hilfe zu finden, dass er dachte, es würde wieder besser werden, hoffte, sein Leben würde sich wieder "umdrehen". Dann sagt er: "Und ich merke mittlerweile, dass es nicht passieren wird."

Er spricht von der Zeit, bevor er als Künstler in der Öffentlichkeit stand. Davon, wie er sich isolierte. Dass er keine Lust mehr hatte, rauszugehen. Wie wütend und antriebslos er wurde. Als der Therapeut sagt, das sei ja ganz schön anstrengend, so zu leben, sagt Shapira: "Ich weiß. Und es ist sinnlos. Und es ist dumm." Was Shapira aufzählt, erinnert an das, was man von vielen Menschen hört, die offen über ihre psychischen Probleme sprechen. Nur dass hier ein Mann auf der Bühne steht, von dem man zu Beginn der Sendung erwartet hatte, er liefere jetzt dreißig Minuten lang Kalauer. Das ist das Bemerkenswerte an der Sendung.

Nach den Therapiemitschnitten ruft Shapira einem überrumpelten Saal, in dem man die Betretenheit scheibenweise schneiden kann, "Stimmuuung" entgegen. Dann fragt er: "Warum macht man das? Warum zeigt man so ein Video vor einem Millionenpublikum?"

Und er antwortet schnell: "Ich glaube, viele Menschen sind nicht offen für eine Therapie und ich dachte, wenn ich zeige, wie ich das mache, dann sind andere ein bisschen offener dafür."

Mit der Live-Therapie hat Shapira seinen Treffer gelandet

Das könnte geheuchelt klingen, klingt aber eben genau nicht geheuchelt. Shapira sagt, auch für ihn sei es unangenehm, diese Erfahrung zu teilen, und man glaubt es ihm, weil er es in seiner verdrucksten Mischung aus Street-Credibility und Unbeholfenheit sagt. Lustig ist das nicht. Auch der Sender bestätigt auf Nachfrage die Authentizität.

Klar könnte man jetzt weiterspekulieren, wie ernst das alles zu nehmen ist, aber das ist irrelevant, denn zu diesem Zeitpunkt hat Shapira seinen Treffer schon längst gelandet. Obwohl die Sorge der Reaktionen aus dem Umfeld von Menschen, die eine Therapie besuchen, nicht unbegründet ist - das zeigt sich im gesellschaftlichen und politischen Umgang mit dem Thema - ist es auch immer noch Privatsache, ob ein Therapiebesuch für einen selbst ein Tabu ist. Für Shapira war er das, und jetzt hat er damit gebrochen.

Kunst kann unter anderem genau dadurch Kraft entwickeln, dass sie das Private öffentlich macht, das weiß Shapira. Mit der Szene aus seiner Therapie beweist er einmal mehr seine Qualität als Künstler. Er findet den angemessenen Tonfall, in der ernsten, statt in der humoristischen Sphäre. Und es gelingt ihm so, Resonanz dort zu erzeugen, wo das Thema womöglich besser sitzt: nicht im Zwerchfell, sondern in der Magengegend.

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