Sexismus-Debatte bei der BBC:Schluss mit Testosteron-TV

Der Fernsehchef der BBC, Danny Cohen, gilt als zu jung, zu smart und zu liberal. In der Sexismus-Debatte schlägt er einen neuen Kurs ein: Ab sofort soll in jeder Comedy-Show des Senders eine Frauenquote gelten.

Von Christian Zaschke, London

Über den Mann, der die BBC weiblicher machen will, stand einmal in der Zeitung, er gehe zum Frühstück jeden Tag ins feine Londoner Restaurant The Wolseley und lasse sich dort Kaviar-Omelett servieren. Danny Cohen, seit 2013 Chef sämtlicher Fernsehkanäle der British Broadcasting Corporation, bestreitet das gelassen. Er hat gelernt, mit erfunden Geschichten über seine Person zu leben. Diese finden sich besonders in der konservativen Presse, der die BBC zu liberal ist. Cohen, mit 40 Jahren jüngster Fernsehchef in der Geschichte des Senders, gilt diesen Blättern als besonders liberal, was dort ausdrücklich nicht positiv verstanden wird. Er gilt zudem als zu jung, zu smart und auf verdächtige Weise zu erfolgreich.

Nun hat Cohen eine Revolution im Sender angekündigt, die bisher eher verhalten aufgenommen wurde: In sämtlichen Comedy-Quizshows der BBC soll mindestens eine Frau auf dem Podium sitzen. "Rein männlich besetzte Podien sind nicht länger hinnehmbar", sagte er. Die mit Gags gespickten Sendungen, im Jargon: Panel-Shows, bilden das Rückgrat der leichten, manchmal derben und bisweilen sehr witzigen Comedy der BBC. Formate wie "Have I Got News for You", "Mock the Week" oder die von Stephen Fry geleitete Sendung "QI" finden ein Millionenpublikum. Die Shows sind in der Regel so organisiert, dass sich zwei bis drei Gäste zur Stammbesetzung gesellen. Fragen aller Art werden möglichst witzig beantwortet. In manchen Sendungen wird ein Teil der Gags vorgeschrieben, in vielen geht es darum, schlagfertig zu sein.

Macho-Kultur in britischen "Testosteron-Shows"

Die erfolgreiche Komikerin Jo Brand gehört zu den wenigen Frauen, die regelmäßig in den Shows auftreten. Sie beschreibt diese als "wettkampforientiert" und "voll von Testosteron". Es herrsche eine Macho-Kultur, in der die Männer sich an Witzigkeit zu übertreffen versuchen. Brand sagt, dass viele Komikerinnen - und auch einige Komiker - auf diese Form der Unterhaltung keine Lust mehr hätten, "weil es uns nicht zusagt, dass wir erst jemandem den Fuß abbeißen müssen, bevor man uns etwas sagen lässt".

Seit einigen Jahren heißt es in der BBC, dass der Sender mehr Frauen auf den Bildschirm bringen müsse. Eine Studie von 2012 nannte die Panel-Shows als größtes Problemfeld, weil dort allenfalls hin und wieder Alibifrauen auf den Podien säßen und die Männer ansonsten unter sich seien. Obwohl seit Langem bekannt ist, dass zu wenige Frauen - insbesondere kaum ältere Frauen - auf dem Bildschirm zu sehen sind, unternahm die männlich dominierte Führungsriege der BBC bisher nicht genug, um das zu ändern. Der Vorstoß von Fernsehchef Cohen wird zumindest die Welt der BBC-Comedy grundlegend verändern.

Cohen hat mitgeteilt, dass die neue Regel von sofort an gilt: Es wird keine Panel-Show mehr aufgenommen, an der nicht mindestens eine Frau teilnimmt. Ältere, rein männlich besetzte Aufzeichnungen würden noch gesendet, aber diese Unterhaltungsform gehöre der Vergangenheit an. Im linksliberalen Guardian schrieb eine Kommentatorin, das sei ja alles schön und gut, aber der Schritt gehe nicht weit genug. Das Problem sei erst gelöst, wenn die BBC eine Regel beschließt, derzufolge mindestens ein Mann auf dem Podium sitzen muss.

© SZ vom 12.02.2014/yer
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