bedeckt München 17°

Serien-Recaps:Bitte sag mir, was ich gerade geguckt habe

Diese Detailversessenheit fanden viele Medienjournalisten lange irgendwie unziemlich. Recaps wurden als Online-Spielwiese für Fans geschmäht, als journalistisches Fastfood von geringer Relevanz. Doch die Häme verkennt die Komplexität und den ästhetischen Anspruch vieler Serien. Nach einer besonders mysteriösen Folge von Breaking Bad schrieb ein amerikanischer Student auf Twitter eine Nachricht an den bekannten Recapper Andy Greenwald und flehte um Aufklärung: "I need @andygreenwald to tell me what I just watched."

Gerecappt wird aber auch aus einem profaneren Grund. Viele Serien erreichen ein großes und leidenschaftliches Publikum. Sie generieren im Internet eine gewaltige Aufmerksamkeit, von der Online-Portale etwas abhaben möchten. Gilbert Cruz, stellvertretender Chefredakteur des Portals Vulture, sagte dem Wall Street Journal: "Jede Webseite muss das Spiel um die Klickzahlen mitmachen. Wenn wir die Recaps von unserer Seite nähmen, wäre das ein schwerer Schlag für uns."

Der Kampf um Recap-Leser ist dabei immer härter geworden: Schnelligkeit zählt. In Zeiten, in denen die Schauspieler einer Serie noch während der Ausstrahlung der neuesten Folge diese live auf Twitter mitkommentieren, wie es die Darsteller der US-Serie Scandal tun, muss spätestens am nächsten Morgen die Folge vom Vorabend besprochen sein.

"Homeland"-Macher Alex Gansa lobt manche Recaps stilistisch, mag sie aber eigentlich nicht

Noch mehr aber zählt Originalität. Es sind längst nicht mehr nur arme Freiberufler, die sich für ein schmales Honorar die Nacht nach der Ausstrahlung um die Ohren schlagen, sondern immer öfter etablierte Autoren, die so ihre Bekanntheit steigern. Die Zeitreise-Serie Outlander besprach die US-Literaturprofessorin und Gender-Theoretikerin Roxane Gay, und Matt Zoller Seitz, vormals Filmkritiker der New York Times, schrieb über Mad Men.

Diese Entwicklung geht auch an den Serienmachern nicht vorbei. Alex Gansa, Produzent von Homeland, lobte den Stil mancher Recaps seiner Serie. Insgesamt aber lehnt er das Genre aus Selbstschutz ab: "Die wahnsinnige Genauigkeit, mit der jede Episode auseinandergenommen wird, macht die Beteiligten verrückt." Der größere Zusammenhang gerate dabei aus dem Blick.

Ausblick auf das Serienjahr

Die spannendsten Serien 2016

Dass Fans und Autoren die Lupe, einmal aufgenommen, wieder zur Seite legen, ist jedoch vorerst sehr unwahrscheinlich.