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Amazon-Dokuserie:Reichelt Live

AMAZON DREH BEI BILD, MAKING OF

Hemd mal nur ein bisschen zu weit auf, dann wieder viel zu weit auf: Chefredakteur Julian Reichelt bei der Arbeit.

(Foto: Christoph Michaelis)

In sieben Folgen zeigt Amazon Prime die Arbeit von "Bild" - und bedient trotz einiger Mängel gut die Faszination selbst derer, die den Boulevard grundsätzlich geringschätzen.

Von Cornelius Pollmer

Es kommen in dieser Dokumentation über den Medienbetrieb Bild Menschen zu Wort, die mit dem Weltweit-Reporter Paul Ronzheimer zusammenarbeiten, und ein wenig Feedback ist doch immer gut. Was also sagen die Leute über den Vize von Bild? Zu Beginn, sagt die Journalistin Liana Spyropoulou, mit der Ronzheimer bei Einsätzen in Griechenland kooperiert, habe es sich angefühlt "like working for the devil" - sie meint nicht Ronzheimer persönlich, sondern den Gesamtkomplex Bild, von dem sie wenigstens gehört haben muss, dass viele ihn für irgendwas zwischen sehr schwierig und geht gar nicht halten. Er habe, sagt der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, wiederum sehr konkret über Paul Ronzheimer, "überhaupt keine Bremsen".

Und dann gibt es da noch den ukrainischen Journalisten Vadim Moissenko, der den wahrscheinlich schönsten Satz dieser siebenteiligen Dokumentation formuliert, die jetzt auf Amazon abrufbereit vorliegt. Moissenko und Ronzheimer befinden sich im Sommer 2020 an der Kriegsfront in der Ostukraine, die Lage ist mindestens angespannt. Ronzheimer nestelt etwas gedankenverloren an einem Gerät herum, Moissenko sieht das und sagt, in aller Ruhe: "I don't think you should be touching the gun, Paul."

Diese Dokumentation ist nicht nur in diesem Moment das, was auch zum Selbstanspruch von Bild gehört, sie ist sehr nah dran. Und in dem weitreichenden Zugang, den Bild dem Produktionsteam um Christoph Sievers gegeben hat, lag natürlich eine große Chance. 1700 Stunden Material wurden an etwa 160 Drehtagen eingesammelt. Die Vorbereitung der Dokumentation hatte schon im Herbst 2019 begonnen, das Aufkommen des garstigen Virus prägte dann zwangsläufig den Kernzeitraum des Drehs zwischen März und Oktober.

Schön, wie Reichelt sich per Video persönlich und mit chinesischen Untertiteln versehen an Chinas Staatspräsidenten wendet

Es bot sich also die Möglichkeit eines ständigen Einblicks in die Arbeit von Deutschlands vermutlich lautester Medienmarke. Das Ergebnis ist zum Einen ein wenig zu lang geraten und hat ein paar handwerklich doch gravierende Mängel. Es fehlen, von einigen Politikern abgesehen, externe Stimmen, die die Arbeit von Bild kritisch bewerten würden. Zudem gerät die Darstellung einiger wesentlicher Sachverhalte dieses Jahres etwas einseitig zu Gunsten von Bild, ganz besonders der von Bild geschürte Konflikt mit dem Virologen Christian Drosten. Aber dennoch darf man nach vielen Stunden urteilen, dass diese Dokumentation mindestens sehenswert geworden ist. Die Faszination, die Bild auch auf manche von denen ausübt, die Bild im Grundsatz verachten, verlängert sich gut in die sieben Episoden. Daran haben Kameradrohnenflüge und dramatisierende Beats ihren Anteil, die im besseren Sinne größenwahnsinnig versuchen, eine Optik und einen Sound zu erzeugen, der vielleicht an Filme von Christopher Nolan erinnern will.

Daran einen weit größeren Anteil aber hat das, was bei Bild gesprochen und getan wird. Die Produktion baute, auch wegen der Abstandsgebote in der Redaktion, irgendwann feste Kameras in einigen Räumen ein und so brauchte es 2020 keinen Wallraff und keinen anderen "Mann, der bei Bild Hans Esser war", um einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen.

Apropos, "front row seat to history, da sein, wo es gerade geschieht", so formuliert Chefredakteur Julian Reichelt den Arbeitsauftrag an sein Kollegium, und es ist zum Teil verblüffend, wie dieser Anspruch manchmal tatsächlich gehalten wird. Ein Team der Bild verbringt zu Beginn der Pandemie so viel Zeit im Krisengebiet Heinsberg, dass es das Abendessen in "Pietro's Pizzalinie" schließlich per "Einmal bitte wie immer" ordern kann. Und es ist Paul Ronzheimer, der wie gar nicht so viele andere Journalisten im Corona-Jahr 2020 vor Ort über Mangel und Elend im Flüchtlingslager Moria berichtet.

Noch interessanter aber ist naturgemäß der Blick ins Innere von Bild, in die Konferenzen, die Diskussionen, auf einige auch harte argumentative Auseinandersetzungen in der Redaktion. Zu erleben ist vor allem Julian Reichelt in, wie es scheint, ziemlich hohem Reinheitsgrad. Reichelt kaut sich von Gummitieren bis zu Salzstangen einmal durch die Salz- und Süßwarenabteilung, er raucht, er knöpft sein Hemd mal nur ein bisschen zu weit auf, dann wieder viel zu weit.

Vor allem sieht man Reichelt bei der Arbeit. Als ihm für eine Geschichte über den "Thai-König" Fotos "von Konkubinen, die wir auch gepixelt zeigen können" angeboten werden, sagt Reichelt anerkennend: "ganz toll". Als die Frage in der Redaktion diskutiert wird, inwieweit China haftbar zu machen sein könnte für die Pandemie, kann man eine gewisse Überhitzung miterleben, in deren Ergebnis Reichelt sich per Video persönlich und mit chinesischen Untertiteln versehen an Chinas Staatspräsidenten wendet.

So bündig aufbereitet wird auch das Nicht-Geheimnis interessant, welche wichtigen Menschen bei Bild gelegentlich vorbeischauen. Es gibt ein Treffen "der Politik" unter anderem mit Karl-Heinz Rummenigge, ein wenig später läuft die für die Berichterstattung und das Geschäftsmodell von Bild alles andere als unwichtige Bundesliga wieder an und Rummenigge spricht in eine Kamera, wie wichtig es gewesen sei, dass Bild sich hinter den Restart der Liga gestellt habe.

Was die Dokumentation unter dem Titel Bild. Macht. Deutschland? durch weitere Außenperspektiven noch hätte gewinnen können, wird deutlich in den Wortmeldungen etwa der Generalsekretäre von SPD und CDU, Lars Klingbeil und Paul Ziemiak. Anerkennung und Ablehnung, kurz: die Ambivalenz in der Bewertung von Bild wird in diesen Meldungen gut verständlich.

Und wenn es auch falsche moralische Mathematik wäre, Leistungen von Bild mit von ihr verursachtem Leid aufzuwiegen, so lässt sich doch ohne Überschwang würdigen, welche Arbeit in diesem Haus auch geleistet wird.

Es lässt sich am Ende auch deswegen würdigen, weil andererseits selbst der Gaga-Teil in der Arbeit von Bild nicht ausgespart wird, etwa bei einer Dienstreise von Alexander von Schönburg nach Rimini in diesem Sommer. Man spürt bei der Anreise Schönburgs dessen Reporterglück, unterwegs zu sein und Dinge zu entdecken. Aber man sieht vor Ort dann auch, wie dem "legendärsten Bademeister" Gabriele ein Sprechzettel hingehalten wird, damit er in die Kamera sagen kann, was Bild als Botschaft unbedingt abholen möchte. In Lautschrift steht darauf: "Ich froie mich auf oich liibe Doice".

Dokumentation: Bild. Macht. Deutschland?, 7 Episoden, Amazon Prime

© SZ/tyc
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