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Gewalt in Serien:Was wir früher als verstörend empfanden, wirkt heute oft banal

Wer an diesen Punkt der Selbstreflexion gelangt, kann der Streaming-Hölle vielleicht gerade noch entkommen. Doch Vorsicht: Die bösen Geister melden sich sofort zurück, sobald man das Gerät aktiviert - ganz vorne bei den empfohlenen "Serien-Highlights" zwinkern einem gleich wieder die sadistischen Massenmörder zu. Also für sensible Menschen: Lieber gar nicht erst in diese Todeszone zappen, wenn man eine geruhsame Nacht haben will, so wie früher nach Onkel Wickerts Tagesthemen.

Tobias Greitemeyer ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Innsbruck und serienaffin - er mag sowohl die alten Staffeln von Mad Men, schaut aber auch mal Game of Thrones, so wie seine Studenten. "Man kann die Feststellung treffen, dass Menschen, die gerne aggressive Computerspiele spielen oder gewalttätige Serien anschauen, ein höheres Aggressionslevel haben als andere", sagt der Wissenschaftler. Wer sich diesen Bildern regelmäßig aussetzt, für den werden sie ein Stück weit normal - "es kommt zu einem Abstumpfungseffekt, einer Desensibilisierung. Die Normen verschieben sich."

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Beste Grusel-Unterhaltung: "Friedhof der Kuscheltiere"

Die Neuauflage des Stephen-King-Klassikers ist keine Neuerfindung des Horrorgenres. Aber sie schafft es, das größte Talent ihres Schöpfers filmisch nachzuahmen.

Es stimmt ja auch: Was wir früher als verstörend empfanden, wirkt heute oft banal, auch weil Szenen extremer Gewalt in Mainstream-Fernsehfilme eingesickert sind. Bei so vielen Opfern geht die Empathie verloren, vor allem dann, wenn wir nicht mehr mit den Figuren mitleiden können, weil ohnehin alles so schnell zu Ende geht. Allein deshalb war die Bluthochzeit mit dem gemeuchelten Robb Stark, der zuvor in mehreren Folgen von Game of Thrones als Kämpfer für das Gute und Identifikationsfigur aufgebaut worden war, tatsächlich noch ein Ereignis, das viele Fans wütend machte. Was eben nur gelingt, wenn es auch ein halbwegs glaubwürdiges Psychodrama gibt.

Die immer größeren Blutlachen wirken, als hätte jemand einfach nur Farbe auf die Leinwand geklatscht

Die deutsch-österreichische Sky-Serie Der Pass über einen narzisstischen Serienkiller setzt auf diesen Effekt: Als Zuschauer verfolgt man wie gebannt die verzweifelte Jagd nach dem Täter, weil man die Seelennöte und Traumata der Ermittler fast schon physisch spürt. Dafür braucht man einen Schauspieler wie Nicolas Ofczarek, der vorführt, was mit Menschen passiert, wenn sie berufsmäßig nur noch mit grauenhaften Gewaltverbrechen zu tun haben: Sie werden entweder zum Zyniker oder zum Alkoholiker, manchmal auch beides.

Beim Anblick der immer größeren Blutlachen, der immer groteskeren Fließband-Schlachtungen muss man an die Epigonen des amerikanischen Künstlers Jackson Pollock denken, die versucht haben, seine Action Paintings zu imitieren, indem sie einfach nur Farbe auf eine Leinwand klatschten, in der Hoffnung, Kunst zu produzieren. Ein in jeder Hinsicht abschreckendes Beispiel ist der Film Polar, eine aktuelle Netflix-Produktion, die sich der Splatterfilm-Ästhetik bedient, aber gleichzeitig ein cooler Thriller sein will.

Mads Mikkelsen spielt darin einen Auftragskiller, der sich auf seinen gut bezahlten Ruhestand freut, aber noch einmal gegen eine ganze Mörderbande antreten muss, die Mikkelsens alte Firma bestellt hat, um Pensionskosten zu sparen. In dieser Comic-Verfilmung des Musikvideo-Regisseurs Jonas Åkerlund droht nun endgültig keine Gefahr mehr, dass man vor dem Abspielgerät den Atem anhält, dazu ist das Schauspiel zu erbärmlich. Mord ist hier nur noch ein Spiel für Ballermänner und Knallerfrauen, allerdings ohne die absurde Komik, die etwa Quentin Tarantino in seinen früheren Filmen zelebriert.

Und Eve Polastri, die britische Agentin, die keine Zeit mehr hat für ihren langweiligen Mann? Sie kommt nicht mehr los von ihrer Lieblingskillerin, sie folgt der Spur des Blutes. Bis sie dann vielleicht sogar selbst auf den Geschmack kommt.

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